Kuba

Gibara, Kubas bestgehütetes Geheimnis?

Wenn ein Hurrikan auf die Küste im Südosten Kubas trifft, fliegen in Gibara die Dächer weg. Gut 30 km von der Provinzhauptstadt Holguín entfernt liegt das Städtchen, etwas abseits des üblichen Touristentrails. Sonst eher verträumt, erwacht es einmal im Jahr, wenn im April ein internationales Filmfestival stattfindet. 

The Guardian nennt Gibara „Cuba´s best kept secret“ und ein Sammeltaxi zu diesem bestgehüteten Geheimnis ist in Holguín schnell gefunden. Vor einer Tankstelle an der Straße nach Gibara wartet es bereits und ich bekomme den Platz vorne neben dem Fahrer. Die beiden Männer, die dort schon sitzen, werden stattdessen nach hinten beordert. Dass diese bevorzugte Behandlung in Verbindung zum Fahrpreis steht, sollte mir jedoch erst später klar werden, zunächst einmal besteht kein Grund, irgendetwas zu hinterfragen. Ganz im Gegenteil, ich bin doch gespannt auf Gibara. Und los geht die Fahrt an die Küste!

Bahía de Gibara: Wrack vor der Küste

Von Holguín nach Gibara

Durch das offene Seitenfenster des Oldtimers bläst mir der Fahrtwind ins Gesicht und die draußen vorbeiziehende Landschaft beschriebe ein Reiseführer sicher als „malerisch“. Geradezu filmreif wirkt die Szenerie auf der Strecke zwischen Holguín und Gibara. Und ich habe den besten Platz, sitze in der ersten Reihe. Auch das Meer ist einige Kilometer vor Gibara in der Ferne bereits zu sehen.

In den Straßen von Gibara

„Villa Blanca de los Cangrejos“ nennen sie Gibara. Und Cangrejos, also Krabben, stehen im Restaurant auch auf der Speisekarte, wie sich später zeigen sollte. Aber warum um alles in der Welt „weißes Städtchen“? Davon kann nun wirklich keine Rede sein, stelle ich gleich nach der Ankunft fest. Manche Häuser sind bunt gestrichen und von etlichen der kolonialen Fassaden blättert längst die Farbe ab. Dort, wo es tatsächlich einmal weiß gewesen sein mag, dominiert nun Grau oder Beige. Die Seeluft im wilden Osten Kubas wird sicher ihren Teil dazu beitragen. Nur schwer vorstellbar, dass Gibara einmal so strahlend weiß gewesen ist, wie etwa die andalusischen Pueblos Blancos, Arcos de la Frontera oder Vejer de la Frontera.

Unterwegs in den Straßen von Gibara

Wenn in Gibara
die Dächer fliegen

Die Lage an der Küste macht den Ort anfällig für die Gewalten der Natur. Manchmal wird es stürmisch, 2008 etwa ist Hurrikan Ike mit fast 200 Stundenkilometern auf die Küste zugerast und über Gibara hingefegt. Mit bis zu sieben Meter hohen Wellen war das Meerwasser weit in den Ort eingedrungen. Dagegen ist auch Camilo Cienfuegos machtlos. Schwer bewaffnet steht der Comandante mit dem Rücken zum Meer. Direkt am Wasser haben sie zu Ehren des bärtigen Revolutionshelden, 1959 ist er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, ein Monument aufgestellt.

Denkmal zu Ehren von Camilo Cienfuegos an der Küste von Gibara

Apricotfarben leuchtet die Fassade des Hotels Ordoño Encanto. Ich war neugierig auf das restaurierte Gebäude, das The Guardian als „colonial gem“ bezeichnet. Dort ein paar Tage zu verbringen statt wie üblich in einer Casa Particular, das war die ursprüngliche Idee. Als ich die Zimmerpreise erfahre, erledigt sich der Traum vom kolonialen Juwel jedoch abrupt. Dass es günstiger ist, vorab über Internet zu buchen, lerne ich noch und suche mir dann doch eine nette Privatunterkunft.

Francisco spricht Deutsch

Später treffe ich Francisco auf der Straße. Es ist nirgendwo in Kuba ein Problem, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Die Menschen sind sehr aufgeschlossen, was eher noch eine Untertreibung ist. Und Francisco spricht sogar Deutsch, erstaunlich gut sogar. Sein Lehrer war seinerzeit in der DDR, erfahre ich, und von ihm hat er die Sprache gelernt. Francisco ist 36 und nicht verheiratet. Er liebe seine Freiheit, gesteht er.

Blick über Gibara von El Cuartelón, einer ehemaligen spanischen Festung

Francisco erzählt, die meisten Touristen, die nach Gibara kommen, machten einen Ausflug von Guardalavaca aus. Man erkenne sie an ihren Armbändern, den untrüglichen Erkennungszeichen von All-inclusive-Urlaubern. Der typische Ablauf einer solchen Visite: Besuch von Aussichtspunkt und Zigarrenfabrik, anschließend irgendwo etwas essen und das wars. Ratzfatz seien die Besucher dann wieder weg. Manche von ihnen verteilten zuvor noch Süßigkeiten an Kinder.

Iglesia de San Fulgencio im Parque Calixto García

Wie auf Bestellung erscheint eine kleine Gruppe Touristen. Einer von ihnen marschiert geradewegs auf eine Frau mit ihrer kleinen Tochter zu. Die beiden sitzen auf einer der Bänke im Parque Calixto García, wo sogleich eine Tüte mit Süßigkeiten den Besitzer wechselt. Schnell wird noch, wie zum Beweis, ein Foto geschossen, und schon sind die Leute wieder verschwunden. Genau so, wie Francisco es zuvor beschrieben hatte.

Jahreswechsel in Gibara

Der Jahreswechsel steht an und meine Gastgeber haben mich zum Abendessen eingeladen. Zu Silvester gibt es Schweinebraten, Cerdo Asado ist das traditionelle Gericht. Und bereits am frühen Morgen hatten sich unter das Krähen der Hähne andere Geräusche gemischt: das Quieken der Schweine nämlich, die das neue Jahr nicht erleben würden.

Silvestervorbereitung in Gibara: viele Schweine erleben den Jahreswechsel nicht

Beim Essen erfahre ich einiges über die familiären Verhältnisse. Von drei Söhnen ist einer der Sprössling von Irina, meiner Gastgeberin, jedoch zusammen mit einem anderen Mann. Der zweite ist der Filius ihres Gatten, wiederum mit einer anderen Frau. Nur der jüngste ist der gemeinsame Sohn. „Kompliziert?“, fragen sie. Ich lache, nein, kompliziert wirken sie nun gerade nicht, eher ganz normal, wie eine typisch kubanische Familie eben.

Auch in Gibara gibt es einen Malecón

Als wir fertig sind mit essen, löst sich die Runde schnell auf und jeder geht seines Weges. Einige Nachbarn kommen dafür hinzu und nehmen die Plätze ein, vom Cerdo Asado ist schließlich auch noch reichlich da. Noch vor Mitternacht bin ich wieder zurück in meiner Herberge. Im Ort ist auch zu Silvester nicht viel mehr los als sonst, es ist fast wie ein ganz normaler Abend. Bis auf den Schweinebraten im Kreis der Familie.

Vor einem historischen Gebäude in Gibara

Gastronomie in Gibara

Einige Paladares, privat geführte Restaurants, gibt es natürlich auch in Gibara. La Perla del Norte ist mein Favorit, oft steige ich dort zur Dachterrasse hinauf. Um etwas zu essen, um einen leckeren Cocktail zu trinken und um mit Reiniero zu plaudern. Der arbeitet hier und verrät, dass die Besitzer des Hostal Los Hermanos das Restaurant erst vor sieben Monaten eröffnet haben. Deren Casa Particular befindet sich ebenfalls in der Calle Cespedes, nur ein paar Häuser weiter, und genießt einen ausgezeichneten Ruf.

Auf der Straße in Gibara

Reiniero ist 44 und bereits zum vierten Mal verheiratet. Dass er schüchtern sei, verrät er mir schmunzelnd. Wenn ihn eine Frau interessiere, schreibe er Gedichte für sie, fügt er verschmitzt lächelnd hinzu. Und ich solle am Abend die Batería Fernando VII aufsuchen, dort würde ich schnell Kontakt finden. Er selbst könne leider nicht mitkommen, da er arbeiten müsse.

High Heels in Gibara

Die Garnison Fernando VII wurde 1817 gebaut und nach der Revolution restauriert. In der kleinen Festung direkt am Meer befindet sich inzwischen ein Veranstaltungszentrum. Ich beherzige Reinieros Tipp und suche die Batería noch am selben Abend auf. Es gibt ein Showprogramm und im Anschluss daran Musik aus der Konserve. Der Open-Air-Bereich füllt sich zusehends und bald wird es wohl mit Tanz losgehen, vermute ich. Aber weit gefehlt, viele der jungen Frauen tragen High Heels und bewegen sich damit so unbeholfen, dass an tanzen überhaupt nicht zu denken ist. Nirgendwo sonst in Kuba habe ich so ein Gestokel gesehen. Wie dieser Trend wohl ausgerechnet ins eher abgelegene Gibara gekommen ist?

Koloniale Architektur am Parque Calixto García, der ursprünglichen Plaza de Armas

Von Gibara zur Playa Caletones

Mehrere Strände befinden sich in der Nähe von Gibara. 17 km sind es bis zur Playa Caletones, ein Trip per Fahrrad bietet sich also an. Meine Gastgeberin Irina besorgt das Rad, es hat sogar eine Bremse, was wahrlich keine Selbstverständlichkeit ist in Kuba.

Das Meer auf dem Weg zur Playa Caletones

Ich komme gut voran, obwohl der Weg mit Schlaglöchern übersät ist. Die Küste ist felsig. Schroff und wild. Es gehört einiges an Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass ein paar Kilometer weiter ein feiner Sandstrand auf mich wartet. Nach etwa 10 km trete ich auf einmal ins Leere. Was ist passiert? Kette gerissen? Nein, zum Glück nur abgesprungen, stelle ich erleichtert fest. Schnell ist sie wieder aufgezogen und weiter gehts. Aber das Ding springt nun immer wieder ab, alle paar Meter. So macht das keinen Sinn und ich beschließe, den Rest des Weges zu schieben.

An der Küste vor Gibara

Kubanische Pferde: zuverlässiger als Fahrräder

Kurze Zeit später überholen zwei Männer mit einem Pferdegespann. Sie wollen mich mitnehmen, haben aber eigentlich gar keinen Platz. Aber wie heißt es nicht umsonst, „everything is possible in Cuba“. Vermutlich hätten sie sogar noch weitere Leute inklusive Fahrrädern irgendwie untergebracht. Brav trottet das Pferd sodann voran und bringt uns ganz gemächlich dem Ziel entgegen. Der Strand, die Playa Caletones, erweist sich anschließend als Sandstreifen mit einer Länge von etwa 50-60 Metern. Und nur eine Handvoll Leute verliert sich hier. Verschmiert und verschwitzt, wie ich nach dem Schlamassel mit dem Fahrrad bin, genieße ich erst einmal ein erfrischendes Bad im Meer.

Bus 728 fährt zwischen Gibara und Caletones

Sogar etwas zu essen gibt es in Strandnähe. Als Restaurant fungiert eine einfache Holzhütte und Fisch vom Grill und kaltes Bier erweisen sich hier sogleich als gute Wahl. Zu klären wäre nur noch, wie ich denn zurück nach Gibara komme. Das Fahrrad zu schieben wäre doch eher die Ultima Ratio, sofern es gar nicht anderes geht.

Erst Bier, dann Bus

Der hilfsbereite Wirt beginnt, mein Rad mit einem Hammer zu bearbeiten. Hier versagt jedoch das sprichwörtliche kubanische Improvisationstalent. Erwartungsgemäß führt die Hämmerei zu nichts. Versuch macht klug, wird sich der Mann womöglich denken und dass in 2 Stunden ein Bus fährt, fällt ihm schließlich noch ein. Das ist die Rettung für mich und die verbleibende Zeit nutze ich für die weitere Verkostung kubanischen Gerstensafts: Mayabe ist eine der Biersorten, die in der nahen Provinzhauptstadt Holguín gebraut werden. Die Fahrt zurück nach Gibara wird später dann von mächtigem Geschepper begleitet. Das kleine kastenförmige Gefährt mit der Nummer 728 hat offenbar das dringende Bedürfnis, keines der vielen Schlaglöcher auslassen zu wollen.

Impressionen aus Gibara

Nach einer Woche geht es wieder zurück nach Holguín. Erneut sitze ich vorn im Sammeltaxi, nur ist es diesmal enger dort und niemand wird nach hinten beordert, um Platz für mich zu machen. Den teile ich mir stattdessen mit einer Frau und der Fahrpreis beträgt dafür nur 1 CUC. Auf der Hinfahrt war es noch das vierfache gewesen, einen ordentlichen „Touristenaufschlag“ hatte ich also gezahlt, um zu „Kubas bestgehütetem Geheimnis“ zu gelangen.

Wer könnte dem maritimen Charme von Gibara widerstehen?

Rückkehr nach einem Jahr

Ein Jahr später bin ich zurück in Gibara. Nur für ein paar Stunden zwar, aber der Ort hat nichts von seinem Charme verloren, das etwas raue maritime Flair fängt mich sogleich wieder ein. Klar, dass auch ein Besuch meines Lieblingsrestaurants La Perla del Norte wieder auf dem Programm steht, frischer Fisch und Meeresfrüchte locken. Mehr Touristen sind diesmal unterwegs, vielleicht aber nur eine Momentaufnahme. Denn ein Transtur-Bus sowie zwei farbenfrohe Oldtimer-Taxis haben die Leute gerade abgesetzt. Für einige Momente „authentisches Kuba“ jenseits des All-inclusive-Geschehens von Guardalavaca.

Wer könnte diesem Fotomotiv widerstehen?

Neben der Zigarrenfabrik schaut eine alte Frau interessiert aus dem Fenster und muss sogleich als Fotomotiv herhalten, was sie geduldig lächelnd erträgt. Einige der Hobbyfotografen betrachten zufrieden das Ergebnis ihres mit gewaltigen Objektiven festgehaltenen Werks. Um anschließend wieder in die wartenden Fahrzeuge einzusteigen, bereit für neue Eindrücke, möglicherweise in Holguín.

Dorthin, also nach Holguín, geht es auch für mich zurück, aber vorher erfahre ich noch den tatsächlichen Fahrpreis: es sind nämlich nicht 4 CUC und auch nicht 1 CUC. 20 Kubanische Pesos (CUP) kostet die einfache Fahrt per Máquina von Holguín nach Gibara – oder zurück.

Gibara – auf einen Blick

Von Holguín nach Gibara

Sammeltaxis, Máquinas (nicht zu verwechseln mit Colectivos, den teureren Sammeltaxis für Touristen), fahren vom zentralen Haltepunkt auf der linken Seite der Avenida Cajigal. Fahrpreis: 20 Kubanische Pesos (= 0,80 CUC). Es empfiehlt sich, ein Bici Taxi dorthin zu nehmen, Preis vom Zentrum Holguíns pro Person: 1 CUC.

Restauranttipp für Gibara

La Perla del Norte (Facebook), Calle Cespedes 18

Autor, Reisereporter und Reiseblogger. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, seine vorherige berufliche Karriere zu beenden (um das böse Wort Mobbing zu vermeiden), treibt ihn die Neugier hinaus in die Welt und er erzählt Geschichten von unterwegs.

6 Kommentare zu “Gibara, Kubas bestgehütetes Geheimnis?

  1. Reinhart Goertz

    Hallo Wolfgang, schöne Fotos und guter Bericht. Ich hatte kürzlich den Ort bei Google Maps entdeckt und bin sehr begeistert und neugierig, und hoffe dass die Fotos nicht trügen. Bei Maps gibt es sogar ein 360 Grad – Foto, wirklich sehr hübsch! Gruß Reinhart

    • Danke für Deinen Kommentar, Reinhart! Ja, Gibara ist ein netter Ort. Jedenfalls dann, wenn man es etwas ruhiger und dafür authentischer mag. Du solltest Gibara einmal „in echt“ besuchen! 😉
      Viele Grüße, Wolfgang

  2. Wirklich toll geschrieben!

  3. Uwe Schmitz

    Wenigstens hast Du einmal gemerkt, wie Du über’n Tisch gezogen wurdest! – immerhin.
    Dabei liegt der Betrug bei einer 24fachen Überteuerung! Fast immer wenn Du CUC gezahlt hast, liegt der übliche Preis bei pesos national! Egal ob mit colectivos, im Restaurant, oder im Bus – ahnungslose Touristen werden betrogen und finden alles ganz toll!

    • Wolfgang

      Zum Währungsthema „CUC vs. Moneda Nacional“: Das hat grundsätzlich erst einmal nichts mit „Touristenbetrug“ zu tun. Denn mit Moneda Nacional, also dem Kubanischem Peso, werden ja vor allem staatlich subventionierte Waren und Dienstleistungen bezahlt, mit CUC alles andere. Es handelt sich also um ein originär kubanisches Problem, was meiner Meinung nach schnell gelöst werden sollte – vorrangig im Sinne der Kubaner! Die Erwartungshaltung, dass man als Tourist eigentlich alles zum Moneda Nacional Kurs bekommen müsste, ist schlichtweg falsch.

      Und naja, toll finde ich es sicher nicht, über den Tisch gezogen zu werden. 😀 Das versuche ich schon zu vermeiden, überall, wo ich bin. Aber es funktioniert halt nicht immer. Gerade dann, wenn man die „normalen“ Preise nicht kennt.

      Viele Grüße,
      Wolfgang

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