Tänzer im Parque Martí von Guantánamo.
Kuba

Guantánamo: Kultur und “Kuba pur” im wilden Osten

Aktua­li­siert am

Mit Musik und Archi­tek­tur lockt Guan­tá­na­mo sei­ne Besu­cher. Kul­tur und authen­ti­sche Ein­drü­cke jen­seits des übli­chen Tou­ris­ten­trails machen den Reiz aus. Trotz­dem fin­den nur weni­ge aus­län­di­sche Gäs­te den Weg in die sym­pa­thi­sche Pro­vinz­haupt­stadt, das ist das eigent­lich erstaun­li­che. Ist Guan­tá­na­mo also tat­säch­lich noch so etwas wie ein Geheim­tipp für Kuba-Rei­sen­de? 

Guan­tá­na­mo? Hand aufs Herz, wer denkt dabei nicht an den US-Stütz­punkt glei­chen Namens und das dor­ti­ge Gefan­ge­nen­la­ger für mut­maß­li­che Ter­ro­ris­ten? Das dürf­ten eher die Asso­zia­tio­nen sein, als die Vor­stel­lung von einer attrak­ti­ven Stadt mit einem span­nen­den kul­tu­rel­len Ange­bot. Dabei erin­nert nichts in Guan­tá­na­mo an die­sen berüch­tig­ten Ort, der sich tat­säch­lich in der Nähe von Cai­ma­ne­ra befin­det.

Guantánamo. Säulengeschmückte Häuser in der Calle Pedro A. Pérez mit Blick auf Palacio Salcines
Cal­le Pedro Agus­tín Pérez mit Blick auf Pala­cio Sal­ci­nes

Liebe auf den ersten Blick

Guan­tá­na­mo zieht mich sofort in sei­nen Bann. Zunächst auf der Suche nach einer Casa Par­ti­cu­lar, einer pri­va­ten Unter­kunft, tritt die­se jedoch beim ers­ten Streif­zug durch die Stra­ßen bei­na­he in den Hin­ter­grund ange­sichts der neu­en Ein­drü­cke. Vie­le der Häu­ser im his­to­ri­schen Stadt­kern sind mit bun­ten Säu­len geschmückt, es gibt Ähn­lich­kei­ten mit Cien­fue­gos. Archi­tek­to­ni­sche Details, die wohl den Fran­zo­sen zu ver­dan­ken sind, die einst von Hai­ti her­über­ka­men und als die Grün­der Guan­tá­na­mos gel­ten.

Pferdekutsche in den Straßen von Guantánamo
In den Stra­ßen von Guan­tá­na­mo

Sei­ne Frau habe ihn vor eini­gen Jah­ren ver­las­sen, erzählt Ores­te. Es ist eine der ers­ten Begeg­nun­gen in den Stra­ßen von Guan­tá­na­mo. Klingt da etwa Sehn­sucht durch? Ein Anflug von Lie­bes­schmerz? Dabei hat­te ich doch kürz­lich erst gelernt, Kuba­ner sei­en nicht roman­tisch. Ist Ores­te der Gegen­be­weis? Zumin­dest bil­det er eine Aus­nah­me. Der Mann ist Kom­po­nist tra­di­tio­nel­ler kuba­ni­scher Musik und ver­steht es zudem, sei­ne eige­nen Wer­ke ein­drucks­voll vor­zu­tra­gen, sogleich erhal­te ich eine Kost­pro­be sei­nes Kön­nens. Selbst schuld die Frau, die die­sem gefühl­vol­len Trou­ba­dour davon läuft.

In den Straßen von Guantánamo: Wandbild von Che Guevara
Che Gue­va­ra ist über­all in Kuba prä­sent, auch in Guan­tá­na­mo

Ein Rei­se­füh­rer beschrie­be Guan­tá­na­mo mög­li­cher­wei­se als Stadt ohne beson­de­re Sehens­wür­dig­kei­ten. Und viel­leicht liegt genau dar­in ja der Grund dafür, dass nur weni­ge Tou­ris­ten hier­her fin­den. Sie las­sen sich, um im Ori­en­te, dem kuba­ni­schen Osten, zu blei­ben, vor allem nach San­tia­go de Cuba und Bara­coa lei­ten. Oder blei­ben gleich am Strand von Guard­ala­va­ca hän­gen. Und ver­pas­sen dabei einen Geheim­tipp wie Guan­tá­na­mo.

Pla­za del Mer­ca­do, die Markt­hal­le von Guan­tá­na­mo

Mercado von Guantánamo

Laza­ro hat 4 Jah­re in einem Koh­le­kom­bi­nat in der Nähe von Leip­zig gear­bei­tet. Er habe gera­de wenig Zeit, sagt er. Seit wann ken­nen Kuba­ner denn Stress, will ich wis­sen. Laza­ro erzählt von Pro­ble­men. Es geht um Lebens­mit­tel, um Geld und um Arbeit. Zudem sei alles teu­er, seufzt er. Ein kur­zer Ein­blick in das wah­re Kuba, in den All­tag vie­ler Men­schen, die in die­sem Land ums Über­le­ben kämp­fen. Auch hier in Guan­tá­na­mo ist das nicht anders, regel­mä­ßig bil­den sich Schlan­gen vor man­chen Geschäf­ten. Wäh­rend ande­re Läden eher unbe­ach­tet blei­ben, etwa die, wo es teu­re Elek­tro­ge­rä­te gibt, die sich vie­le Men­schen nicht leis­ten kön­nen. Eine zufäl­li­ge Begeg­nung vor der Pla­za del Mer­ca­do, der eigent­lich mein Inter­es­se gilt. Doch nun nun sind die Gedan­ken zunächst ein­mal woan­ders.

In der Plaza del Mercado, der Markthalle von Guantánamo
In der Markt­hal­le Pla­za del Mer­ca­do

Die Markt­hal­le zählt zu den inter­es­san­tes­ten Gebäu­den von Guan­tá­na­mo. Größ­ten­teils zwar dem Ver­fall preis­ge­ge­ben, lässt sich jedoch noch erah­nen, was für ein pracht­vol­les Bau­werk der Archi­tekt José Leti­cio Sal­ci­nes Mor­lo­te Anfang des 20. Jahr­hun­derts ein­mal geschaf­fen hat. Mar­kant sind die rot­brau­nen Kup­peln sowie Skulp­tu­ren aus der grie­chisch-römi­schen Mytho­lo­gie über den Ein­gän­gen. Für den täg­li­chen Markt wird das recht­ecki­ge Gebäu­de inzwi­schen nur noch zu einem Vier­tel genutzt.

Über der Plaza del Mercado von Guantánamo
Skulp­tu­ren aus der grie­chisch-römi­schen Mytho­lo­gie über der Pla­za del Mer­ca­do

Wahrzeichen La Fama

Ein zwei­tes Gebäu­de, mit dem José Leti­cio Sal­ci­nes Mor­lo­te der Stadt sei­nen Stem­pel auf­ge­drückt hat, ist sein ursprüng­lich eige­nes Haus, das eher einem Palast ähnelt. Das unver­wech­sel­ba­re Kenn­zei­chen, von vie­len Stel­len in der Stadt aus sicht­bar, ist die auf dem Dach befind­li­che Figur. La Fama, eine Trom­pe­te spie­len­de Frau, ist das Wahr­zei­chen Guan­tá­na­mos, der auf­merk­sa­me Beob­ach­ter fin­det es als Abbil­dung an wei­te­ren Stel­len in der Stadt wie­der. Der Pala­cio Sal­ci­nes beher­bergt inzwi­schen Kunst­samm­lun­gen und lädt inter­es­sier­te Besu­cher zur Besich­ti­gung ein.

La Fama, das Wahrzeichen von Guantánamo auf dem Palacio Salcines
La Fama, Wahr­zei­chen von Guan­tá­na­mo, auf dem Pala­cio Sal­ci­nes

In den Straßen von Guantánamo

Jeden Tag gibt es neue Begeg­nun­gen in den Stra­ßen von Guan­tá­na­mo. Ger­trud ist eine sym­pa­thi­sche dun­kel­häu­ti­ge Frau, der Schalk sitzt ihr im Nacken. Auch sie hat frü­her im fer­nen Ale­ma­nia gear­bei­tet. Deutsch­land sei immer noch in ihrem Kopf und in ihrem Her­zen, sagt sie. Und dass Ger­trud durch­aus ein inter­na­tio­nal gebräuch­li­cher Name sei, teilt mir die 75-Jäh­ri­ge schmun­zelnd mit.

Guantánamo. Menschen auf der Straße.
Für vie­le Men­schen in Guan­tá­na­mo ist die Stra­ße ihr Wohn­zim­mer

In der Cal­le Sera­fin San­chez, in ihrem Nor­den sind die Casa del Chan­güi und die Casa del Son zu fin­den, heißt es oft “Ale­ma­nia, Ale­ma­nia”, wenn ich dort wie­der ein­mal ent­lang bum­me­le. Sani­tär­ar­ti­kel und ande­re Uten­si­li­en ver­kau­fen sie hier auf der Stra­ße. An ande­rer Stel­le wal­tet ein Fri­seur sei­nes Amtes, der Fuß­weg dient als Fri­sier­sa­lon. Oft dröhnt Musik aus den Häu­sern. Oder sie stel­len die Boxen gleich direkt vor die Tür. Das ist Kuba. Haut­nah.

Menschen im Parque José Martí von Guantánamo
Mor­gens im Par­que José Mar­tí

Das Herz von Guantánamo

Schon mor­gens tref­fen sich die Älte­ren zum Plausch oder sie lesen in “Gran­ma” oder “Tra­ba­ja­do­res”, den staat­li­chen Zei­tun­gen. Der Par­que José Mar­tí ist das Herz Guan­tán­mos. Der ist zwar benannt nach dem Natio­nal­hel­den Kubas, domi­niert wird der zen­tra­le Ort jedoch von der Sta­tue einer loka­len Grö­ße. Der Guan­tan­ame­ro Pedro Agus­tín Pérez war Gene­ral im spa­nisch-ame­ri­ka­ni­schen Krieg und spä­ter Bür­ger­meis­ter von Guan­tá­na­mo.

Catedral Santa Catalina de Ricci im Parque Jose Martí von Guantánamo
Cate­dral San­ta Cata­li­na de Ric­ci im Par­que José Mar­tí

Ande­re, vor allem die Jün­ge­ren, star­ren dage­gen gebannt auf ihre Smart­pho­nes und las­sen sich von Face­book & Co. in eine Welt jen­seits des tro­pi­schen Sozia­lis­mus bea­men. Seit­dem es öffent­li­ches Inter­net in Kuba gibt, ist auch die­ser Park ein WiFi-Spot. Am Abend mutiert der Platz dann zu einer gro­ßen Spiel­wie­se für die Klei­nen, Luft­bal­lons sind zur­zeit der gro­ße Ren­ner und sonn­tags gibt es manch­mal Kon­zer­te vor der Kulis­se der Kir­che San­ta Cata­li­na de Ric­ci.

Impressionen aus der Calle Flor Crombet, der Fußgängerzone am Parque Martí von Guantánamo
In der Fuß­gän­ger­zo­ne am Par­que Mar­tí

Eis aus der Wundertüte

Als wah­re Wun­der­tü­te ent­puppt sich La Pri­ma­da am Rand des Par­que José Mar­tí. Das Lokal im Erd­ge­schoß des Hotels Mar­tí, leicht könn­te man es über­se­hen, ver­spricht eine Aus­wahl typi­scher Pro­duk­te der Regi­on um Bara­coa. Man kann wäh­len zwi­schen Kuchen, Eis und Geträn­ken aus Kokos oder Scho­ko­la­de. Manch­mal jedoch ist nur ein Pro­dukt erhält­lich und gele­gent­lich kommt es sogar vor, dass es gar nichts gibt, kurio­ser­wei­se aber den­noch geöff­net ist. Mein Tipp: soll­te gera­de kein Eis erhält­lich sein, kal­te Trink­scho­ko­la­de bestel­len! Die wird näm­lich trotz­dem mit einer Kugel Scho­ko­la­den­eis ser­viert.

Menschen im Parque José Martí von Guantánamo
Treff­punkt Par­que José Mar­tí

Die Casa de Boca­di­to auf der ande­ren Sei­te des Parks war meh­re­re Mona­te wegen Reno­vie­rung geschlos­sen. Jetzt hängt eine gro­ße Kli­ma­an­la­ge über dem Ein­gang, die meist gut auf­ge­leg­ten Kell­ne­rin­nen sin­gen manch­mal und das Sand­wich de Pol­lo ist eine über­ra­schend lecke­re Ange­le­gen­heit. Dazu kal­tes Bier, was will man mehr?

Frau vor Haus irgendwo in Guantánamo
Moment­auf­nah­me in den Stra­ßen von Guan­tá­na­mo

Casa de la Trova

In schi­cken Kla­mot­ten kom­men die Alten am Abend in die Casa de la Tro­va. Dort sind sie unter sich und schwin­gen gekonnt das Tanz­bein. Meist beob­ach­te ich das Gesche­hen von drau­ßen durch die geöff­ne­ten Fens­ter. Drin­nen ist es heiß und ich habe das Gefühl, da nicht so recht hin­ein­zu­pas­sen. Ein­mal sind drei, vier Tou­ris­ten da. Kur­ze Hosen und ärmel­lo­se Shirts offen­ba­ren Tat­toos auf blei­cher Haut und Sel­fiesticks wer­den in die Höhe gehal­ten. Unter­schied­li­cher könn­ten die Wel­ten kaum sein, die hier auf­ein­an­der tref­fen.

Annalie in der Casa de la Trova von Guantánamo
So schön kann tra­di­tio­nel­le Musik in Kuba sein: Anna­lie in der Casa de la Tro­va

Vor­mit­tags gehe aber auch ich manch­mal hin­ein und mische mich unter die dann nur weni­gen Besu­cher. Oder am Nach­mit­tag, wenn die groß­ar­ti­gen Künst­ler von Rumo­res del Gua­so pro­ben, eine Fla­sche Rum darf dabei nie feh­len. Eigent­lich möch­te man den­ken, die­sen gestan­de­nen Musi­kern sei nichts mehr bei­zu­brin­gen, aber der stren­ge Chef Rafa­el Pacheco unter­bricht doch immer wie­der und greift kor­ri­gie­rend ein. Immer wie­der zieht es mich an die­sen Ort zurück, an dem es kuba­ni­sche Musik noch auf so wun­der­bar authen­ti­sche Wei­se gibt. Wer ernst­haft denkt, der Tou­ris­ten­zir­kus in Tri­ni­dad oder in der Cal­le Obis­po von La Haba­na Vie­ja habe etwas mit dem ech­ten Kuba zu tun: auf nach Guan­tá­na­mo, auf zur dor­ti­gen Casa de la Tro­va!

In der Casa de la Trova von Guantánamo
Tan­zen zu tra­di­tio­nel­ler Musik in der Casa de la Tro­va

Guantánamos Gastronomie

Biji­ri­ta ist ziem­lich klein, ziem­lich dun­kel­häu­tig und außer­dem ziem­lich kräf­tig gebaut. Ob ich eine Mas­sa­ge möch­te, fragt die Kell­ne­rin der Taber­na Sal­tade­ro. Nackt natür­lich, ergänzt sie. Es dau­ert eine Wei­le, aber zwei, drei Bier spä­ter, gut gekühl­tes Cris­tal im Übri­gen, hat sie ver­stan­den, dass sie mich damit nicht locken kann. Die Taber­na, wie auch Bode­gón El León de Ori­en­te, das Restau­rant gegen­über, sind die bes­te Wahl, um drau­ßen zu sit­zen in Guan­tá­na­mos Gas­tro­no­mie anstatt in einem kli­ma­ti­sier­ten Raum zu frös­teln. Etwas zu essen gibt es auch und bei lecke­rem Bis­tec de Pol­lo zu 40 Kuba­ni­schen Pesos besteht kein Grund zum Meckern.

Taberna Bucanero von Guantánamo
Bier wird in der Taber­na Buca­ne­ro meist liter­wei­se getrun­ken

Die ganz gro­ßen kuli­na­ri­schen High­lights wird man in Guan­tá­na­mo zwar nicht erwar­ten, den­noch gibt es eine Aus­wahl preis­güns­ti­ger Restau­rants und Cafe­te­rías. Die Casa de los Jugos über­rascht zudem mit einer fei­nen Aus­wahl an Frucht­säf­ten. Als wah­rer Ener­gy Drink taugt bei tro­pi­schen Tem­pe­ra­tu­ren Toma­ten­saft, zu dem sie Limet­te, Salz und pikan­te Wür­ze rei­chen. Saft von Man­go, Ana­nas, Guaya­ba, Gua­na­ba­na oder Zapo­te run­det das Ange­bot ab.

Guantánamos Olympioniken

An Spit­zen­sport denkt man in Guan­tá­na­mo sicher nicht auf Anhieb. Oft ist es heiß und die Son­ne brennt unbarm­her­zig, so dass man lie­ber im Schat­ten ver­weilt und kör­per­li­che Anstren­gun­gen ver­mei­det. Die Olim­pia Bar jedoch ist eine Hom­mage an Guan­tá­na­mos erfolg­rei­che Ath­le­ten.

Koloniale Gebäude am Rand des Parque Martí von Guantánamo
Impo­san­te kolo­nia­le Gebäu­de am Rand des Par­que José Mar­tí

Dali­xia Fernán­dez Gras­set etwa ist Beach­vol­ley­bal­le­rin und hat drei­mal an Olym­pi­schen Spie­len teil­ge­nom­men. Der Rude­rer Ángel Four­nier Rodri­guez ist Vize­welt­meis­ter und die Leicht­ath­le­tin Sil­via Chi­vás Baró Olym­pi­sche Medail­len­ge­win­ne­rin im Sprint. Ob die jemals in die­ser Bar gewe­sen sind, ist nicht bekannt, aber Bier und bil­li­ger Rum wären ohne­hin kei­ne leis­tungs­för­dern­den Geträn­ke. An die möch­te man eher mit Blick auf die Apo­the­ke gegen­über den­ken. Inwie­fern wohl uner­laub­te Mit­tel­chen den kuba­ni­schen Sport­lern auf die Sprün­ge gehol­fen haben, unter­stützt durch Know-how der ehe­ma­li­gen sozia­lis­ti­schen Bru­der­län­der im fer­nen Euro­pa? Viel­leicht wüss­te es Che Gue­va­ra, der lächelt näm­lich ver­schmitzt und gar nicht so ver­we­gen wie sonst in der Apo­the­ke von der Wand.

Musi­ker in der Casa del Chan­güí von Guan­tá­na­mo

Changüi ist Guantámos Musik 

Nach­dem Fidel Cas­tro gestor­ben ist, braucht es noch eini­ge Zeit, bis über­all wie­der zur Tages­ord­nung über­ge­gan­gen wird. Im Dezem­ber heißt es, in der Casa del Chan­güi wer­de es erst ab Janu­ar wie­der Musik­pro­gramm geben. Eini­ge Wochen spä­ter ist es soweit und ich bin wie­der vor Ort. Ein paar Musi­ker schei­nen gera­de geprobt zu haben und ich will eigent­lich nur wis­sen, wann ein Kon­zert statt­fin­det. Das bekom­me ich sogleich als Pri­vat­pro­gramm, man freut sich über den inter­es­sier­ten Gast und stellt mir zunächst die Instru­men­te des Chan­güi vor. Der Musik, die hier in der Regi­on ihren Ursprung hat. Anschlie­ßend geben die Künst­ler eini­ge Lie­der zum bes­ten. Ich revan­chie­re mich mit einer Fla­sche Rum. 3 CUC sind gut ange­leg­tes Geld für die­ses unver­hoff­te Erleb­nis.

Kind in den Straßen von Guantánamo
Kind in den Stra­ßen von Guan­tá­na­mo

Von Guantánamo ins Weltall

Auch die Cal­le José Mar­tí gehört zu mei­nen Lieb­lings­stra­ßen in Guan­tá­na­mo, diver­se Male war ich daher bereits am Museo Pro­vin­ci­al vor­bei­ge­kom­men. Inter­es­san­ter als tote Aus­stel­lungs­stü­cke ist für mich nor­ma­ler­wei­se das Leben auf der Stra­ße. So ist es eher Zufall, dass mich der Weg irgend­wann doch hin­ein ins Muse­um führt. Aus­ge­stopf­te Tie­re und Aus­gra­bungs­stü­cke sind auch hier im Museo Pro­vin­ci­al jedoch Din­ge, die man sich viel­leicht ein­mal anschaut und anschlie­ßend wie­der ver­gisst.

Sowjetische Weltraumkapsel im Museo Provincial von Guantánamo
Sowje­ti­sche Welt­raum­kap­sel im Museo Pro­vin­ci­al von Guan­tá­na­mo

Ein Bereich ist Arnal­do Tama­yo Mén­dez gewid­met. Der kuba­ni­sche Kos­mo­naut war 1980 mit Sojus 38 ins All geflo­gen. Spä­ter wur­de der Mann aus Guan­tá­na­mo zum Direk­tor des Komi­tees zur Ver­tei­di­gung der Revo­lu­ti­on ernannt.

Schwitzen für die Revolution

Als schweiß­trei­ben­de Ange­le­gen­heit ent­puppt sich der Marsch zur Pla­za de la Revo­lu­ción im Nord­wes­ten Guan­tá­na­mos. Als ich das ers­te Mal auf dem bei­na­he men­schen­lee­ren Para­de­platz fla­nie­re, schält sich sogleich ein Mann aus dem Schat­ten der mäch­ti­gen Monu­men­te. Es wird doch nicht etwa ver­bo­ten sein, das Gelän­de zu betre­ten? Aber nein, der Wach­pos­ten ist offen­sicht­lich nur erfreut über die Abwechs­lung, die der ein­sa­me Besu­cher bie­tet. Ob ich denn schon Fotos gemacht habe, möch­te er inter­es­siert wis­sen.

Plaza de la Revolución von Guantánamo
Pla­za de la Revo­lu­ción von Guan­tá­na­mo

Per Rad in Kubas wildem Osten

“Cojo­nes!”, das Flu­chen des Man­nes ist weit­hin hör­bar. Er rammt einen von kräf­ti­gen Och­sen gedul­dig gezo­ge­nen Pflug tief in den schwe­ren Boden. Ein Kno­chen­job, Acker­bau wie vor hun­dert Jah­ren. Wie­der ein­mal bin ich mit dem Fahr­rad in die Umge­bung von Guan­tá­na­mo gefah­ren.

Ackerbau im Osten Kubas. Ochsengespann in der Nähe von Guantánamo
Acker­bau in Kubas Osten, ein Kno­chen­job wie vor hun­dert Jah­ren

Eini­ge Wochen zuvor hat­te mich Peter mit auf einen mor­gend­li­chen Trip genom­men. Jedes Jahr im Win­ter zieht es den Schwei­zer für meh­re­re Mona­te in den Osten Kubas, sein Ver­kehrs­mit­tel: das Rad. Ob ich eine Idee habe, wozu das klei­ne Haus mit­ten auf dem Feld gut ist, fragt er mich. Ich habe kei­ne Ahnung. Es ist ein Wach­häus­chen, erfah­re ich. Ban­den kämen näm­lich manch­mal aus der Stadt. Und klau­en Kar­tof­feln. Oder Knob­lauch.

Tänzerin im Parque José Martí von Guantánamo
Tän­ze­rin im Par­que José Mar­tí von Guan­tá­na­mo

Fiesta im Doppelpack

Es ist Frei­tag­nach­mit­tag und wie­der ein­mal probt die Grup­pe Rumo­res del Gua­so in der Casa de la Tro­va. Dies­mal hat der stren­ge Direk­tor nichts aus­zu­set­zen und sie spie­len wie aus einem Guss. Viel­leicht liegt es ja an der bevor­ste­hen­den Noche Guan­tan­ame­ra. Sams­tag und Sonn­tag ist Fies­ta im Dop­pel­pack, so wie es die Guan­tan­ame­ros lie­ben.

Gruppe Rumores de mi Guaso in der Casa de la Trova von Guantánamo
Grup­pe Rumo­res del Gua­so in der Casa de la Tro­va

Bei­na­he ein hal­bes Jahr hat das Event nicht statt­ge­fun­den und jetzt bil­det es erneut einen Höhe­punkt und den Abschluss, bevor ich die Stadt ver­las­se. Noch ein­mal unter die Ein­hei­mi­schen mischen, Musik und Tanz genie­ßen, von Chan­güi bis Dis­komu­sik, wäh­rend der Rum reich­lich fließt in der kuba­ni­schen Nacht.

In der Casa de la Trova von Guantánamo
In der Casa de la Tro­va

Abschied von Guantánamo

Eine Wol­ken­de­cke hängt über dem öst­li­chen Kuba und gele­gent­lich fal­len ein paar Regen­trop­fen in Guan­tá­na­mo. Grau und trist wirkt die Stadt am letz­ten Tag auf ein­mal. Wo ist ihre Schön­heit geblie­ben? Die Feuch­tig­keit löst den Schmutz, der sich in man­chen Stra­ßen fest­ge­setzt hat, und auch eini­ge Schä­den in der Stra­ßen­de­cke, sonst kaum auf­ge­fal­len, sprin­gen nun auf ein­mal ins Auge. “Was machst Du noch hier?” Plötz­lich steht Ger­trud vor mir, fast hät­te ich sie nicht erkannt. “Hier ist es dre­ckig”, sagt sie und deu­tet auf den Boden. “War­um bist Du nicht längst zurück in Deutsch­land?”

Bibliothek von Guantánamo, das ehemalige Rathaus, eines der architektonischen Highlights
Biblio­thek von Guan­tá­na­mo, eines der archi­tek­to­ni­schen High­lights

Spä­ter sit­ze ich vor der Hava­na Club Bar in der Cal­le Flor Crom­bet. Auch zwei Cuba Libre kön­nen den muf­fi­gen Geruch, der vom Fuß­bo­den in die Nase steigt, nicht ver­ges­sen machen. Regel­mä­ßig wird hier zwar gefegt, aber das reicht nicht, um den Dreck wirk­lich zu ent­fer­nen. So ist es immer ein wenig schmud­de­lig in der Fuß­gän­ger­zo­ne und bis­her hat­te es mich auch noch nie in die Bar gezo­gen.

Impressionen aus den Straßen von Guantánamo
Impres­sio­nen aus den Stra­ßen von Guan­tá­na­mo

Orts­wech­sel, nur weni­ge Meter sind es bis zur Casa de la Tro­va. Dort ist die Luft frisch und die Musi­ker spie­len dies­mal drau­ßen. “Chan Chan” heißt es wie vor 20 Jah­ren, als Ry Cooder´s Buena Vis­ta Soci­al Club dazu bei­trug, den Kuba-Hype zu begrün­den. Und mit dem für Guan­tá­na­mo typi­schen Chan­güi macht die Grup­pe Sua­be Cari­be wei­ter, dazu tan­zen die Leu­te auf der Stra­ße.

Kuba ungeschminkt

Der letz­te Tag zeigt mir eine mei­ne Lieb­lings­städ­te in Kuba noch ein­mal in all ihren Facet­ten. Guan­tá­na­mo, das ganz sicher einer der sym­pa­thischs­ten Orte auf der Kari­bik­in­sel ist, die freund­li­chen Men­schen machen ihn dazu. Und tat­säch­lich ist die Stadt auch noch so etwas wie ein Geheim­tipp für Kuba-Rei­sen­de. Okay, geheim natür­lich nicht, aber ein Tipp ist Guan­tá­na­mo alle­mal. Jeden­falls für die­je­ni­gen, die Kuba haut­nah erle­ben wol­len. Unge­schminkt.

Guantánamo – auf einen Blick

Für vie­le Tou­ris­ten bedeu­tet Guan­tá­na­mo ledig­lich einen kur­zen Halt auf der Stre­cke zwi­schen San­tia­go de Cuba und Bara­coa. Der Via­zul-Bus streift den his­to­ri­schen Kern der Stadt und macht außer­halb im Bus­bahn­hof Sta­ti­on. Neben dem haupt­säch­lich von Tou­ris­ten genutz­ten Bus kann man mit den lan­des­ty­pi­schen Ver­kehrs­mit­teln nach Guan­tá­na­mo gelan­gen, Máqui­nas (Sam­mel­ta­xis), Camio­nes (LKW) oder die Eisen­bahn von Hol­guín aus sind güns­ti­ger und bie­ten zudem authen­ti­sche Erleb­nis­se.

Von Hol­guín nach Guan­tá­na­mo. Mein Tipp: Zug­fahrt (6,50 CUC), alle zwei Tage mög­lich (sie­he Zug fah­ren in Kuba). Alter­na­tiv: mit Máqui­na oder Camión nach San­tia­go de Cuba. Von San­tia­go wei­ter nach Guan­tá­na­mo. Die aben­teu­er­li­che­re Vari­an­te führt über Sagua de Tána­mo (Máqui­na oder Camión bis Sagua, von dort wei­ter mit Máqui­na).

Von Havan­na nach Guan­tá­na­mo. Plan­mä­ßig benö­tigt der Zug 18 Stun­den (32 CUC), meh­re­re Stun­den Ver­spä­tung sind nor­mal, dafür ent­schä­di­gen bemer­kens­wer­te Ein­drü­cke

Von Bara­coa nach Guan­tá­na­mo. Der Camión (30 CUP) braucht etwa 4 Stun­den über La Faro­la.

Musik und Nachtleben in Guantánamo

Wie anders­wo in Kuba jen­seits der tou­ris­ti­schen Hot­spots gilt auch in Guan­tá­na­mo: je näher das Wochen­en­de rückt, des­to grö­ßer das Ange­bot für Musik und Night­li­fe:

  • Casa de la Tro­va Beni­to Odio (Ecke Pedro Agus­tín Pérez / Flor Crom­bet)
  • Noche Guan­tan­ame­ra, die Ein­hei­mi­schen lie­ben das Fest, das unre­gel­mä­ßig, zur­zeit wie­der alle zwei Wochen (Stand: Ende Juni 2017), statt­fin­det (sie­he Noche Guan­tan­ame­ra).
  • Casa del Chan­güi (im Nor­den der Cal­le Sera­fin San­chez)
  • Casa del Son (neben der Casa del Chan­güi)
  • La Fama (im Nord­os­ten des Par­que José Mar­tí), Beats aus mäch­ti­gen Boxen locken am Wochen­en­de in den Club auf dem Dach des Hotel Mar­tí
  • Esto­col­mo (Mon­ca­da, gegen­über von der Pla­za del Mer­ca­do)

Restaurants in Guantánamo

  • Sabor Meli­an (Ave­ni­da Cami­lo Cien­fue­gos, zwi­schen José Mar­tí und Pedro Agus­tín Pérez), chic und gemüt­lich, mög­li­cher­wei­se die bes­te Adres­se in Guan­tá­na­mos Gas­tro­no­mie.
  • Casa de los Jugos Natu­ra­les (Ecke Ave­ni­da Estu­di­an­tes / José Mar­tí), lecke­re Aus­wahl an Frucht­säf­ten. Tipp: eige­ne Fla­sche mit­neh­men und dort abfül­len las­sen!
  • Cafe­te­ria Pra­do (S del Pra­do #314, zwi­schen Calix­to Gar­cia und Los Maceo), beliebt für Piz­za, Spa­ghet­ti und Ensala­da Fría (Nudel­sa­lat).
  • El Bazar (Calix­to Gar­cia, gegen­über vom Hotel Bra­sil), gute Wahl für Früh­stück oder eine güns­ti­ge Zwi­schen­mahl­zeit.
  • La Rui­na (Calix­to Gar­cia), Nomen est Omen: Bier in rus­ti­ka­ler Atmo­sphä­re und etwas zu essen gibts auch.
  • Casa de Boca­di­to (Fuß­gän­ger­zo­ne Flor Crom­bet, an Süd­sei­te des Par­que Mar­tí), Sand­wi­ches und kal­tes Bier locken, dazu singt manch­mal die Kell­ne­rin.
  • Taber­na Buca­ne­ro (Ecke Agui­le­ra / José Mar­tí), Bier trin­ken in kolo­nia­lem Ambi­en­te.
  • Bode­gón El León de Ori­en­te (Los Maceo, im Nord­os­ten der Pla­za 24 de Febre­ro) und Taber­na Sal­tade­ro (direkt gegen­über), drau­ßen sit­zen bei kal­tem Bier und Essen zu güns­ti­gen Prei­sen.
  • La Pri­ma­da (Fuß­gän­ger­zo­ne Agui­le­ra, im Gebäu­de des Hotel Mar­tí), typi­sche Pro­duk­te aus der Regi­on um Bara­coa.
  • Cop­pe­lia (Ecke Pedro Agus­tín Pérez / Ber­nabé Varo­na), Filia­le von Kubas berühm­tes­ter Eis­die­le, schon mor­gens bil­det sich oft eine Schlan­ge.

Weitere Infos für Guantánamo

  • Pla­za del Mer­ca­do (Ecke Mon­ca­da / S del Pra­do)
  • Museo Pro­vin­ci­al (Ecke José Mar­tí / S del Pra­do)
  • Pala­cio Sal­ci­nes (Ecke Pedro Agus­tín Pérez / S del Pra­do)
  • Casa Museo Mayor Gene­ral Pedro Agus­tín Pérez (José Mar­tí #1162)
  • Fahr­rad­ver­leih (Pedro Agus­tín Pérez #1086, gegen­über von Cop­pe­lia)
  • Etec­sa Telep­un­to (Ecke Los Maceo / Agui­le­ra), Tipp: der Kauf von Inter­net-Tar­je­tas ohne War­te­zeit ist im Minip­un­to an der Ost­sei­te der Pla­za de la Revo­lu­ción mög­lich.

Autor, Reisereporter und Reiseblogger. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, seine vorherige berufliche Karriere zu beenden (um das böse Wort Mobbing zu vermeiden), treibt ihn die Neugier hinaus in die Welt und er erzählt Geschichten von unterwegs.

2 Kommentare zu “Guantánamo: Kultur und “Kuba pur” im wilden Osten

  1. Reinhart Goertz alias puroduro

    Wie­der ein guter Bericht mit guten Fotos von dir, den ich genos­sen habe. Ich habe natür­lich trotz­dem etwas gefun­den – haha! Inter­es­siert, was? LG

    • Wolfgang

      Dan­ke, Rein­hart! 😉 Und klar bin ich inter­es­siert dar­an, was Du gefun­den hast …

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