Noche Guantanamera. Feiernde Menschen.
Kuba

Die Noche Guantanamera, eine heiße kubanische Nacht

Aktua­li­siert am

Ein berau­schen­des Fest für die Sin­ne, das ist die Noche Guan­tan­ame­ra. Lang und laut ist die Nacht dann in Guan­tá­na­mo und Rum fließt reich­lich. Tan­zen und trin­ken, was braucht es auch mehr in einer kuba­ni­schen Nacht? 

Den Jah­res­wech­sel ver­brin­ge ich in Guan­tá­na­mo und dort ver­läuft Sil­ves­ter bemer­kens­wert ruhig. Schwei­ne­bra­ten essen die Kuba­ner tra­di­tio­nell im Fami­li­en­kreis, das hat­te ich ein Jahr zuvor bereits in Giba­ra erlebt, und öffent­li­che Fei­ern fin­den wegen des Todes von Fidel Cas­tro, ich war zu der Zeit in Hol­guín, nicht statt. So gehe ich früh schla­fen, hat­te zuvor aber noch erfah­ren, dass es am nächs­ten Tag heißt: Noche Guan­tan­ame­ra! Und bin natür­lich gespannt, was mich erwar­tet.

Noche Guantanamera, Tänzer im Parque Martí von Guantánamo
Noche Guan­tan­ame­ra: Start ist am Vor­mit­tag mit Musik und Tanz

Die “Nacht” beginnt am Vormittag

Der Par­que Mar­tí ist das Herz von Guan­tá­na­mo. Die schat­ti­gen Plät­ze dort sind Treff­punkt für jung und alt. Und auch als Guan­tá­na­mos WiFi-Hot­spot dient der Park, seit­dem es öffent­lich zugäng­li­ches Inter­net in Kuba gibt. Und genau hier heißt es nun bereits am Neu­jahrs­vor­mit­tag “Bue­nos dias, Guan­tan­ame­ras y Guan­tan­ame­ros” und nach einer kur­zen Anspra­che ist die Noche Guan­tan­ame­ra eröff­net. Musik erklingt, die schwar­zen Wur­zeln der rhyth­mi­schen Klän­ge sind unver­kenn­bar, dazu legen Tän­ze­rin­nen und Tän­zer in far­ben­fro­hen Kos­tü­men eine schweiß­trei­ben­de Soh­le aufs Par­kett. Eine Show wie ein kari­bi­sches Kli­schee, nur die Tou­ris­ten feh­len, die kom­men näm­lich kaum nach Guan­tá­na­mo, und das ist das eigent­lich erstaun­li­che.

Noche Guantanamera, Tänzerin im Parque Martí von Guantánamo
Tän­ze­rin im Par­que Mar­tí von Guan­tá­na­mo

Eine ver­hei­ßungs­vol­le Ein­stim­mung, die nach einer Stun­de aber bereits wie­der vor­bei ist. Bis zum Abend wird es nun noch dau­ern, bis es wei­ter­geht. Denn erst, wenn die Son­ne ver­schwun­den ist und sich die Dun­kel­heit über Guan­tá­na­mo legt, dann geht die Noche Guan­tan­ame­ra rich­tig los.

Akrobaten während der Noche Guantanamera in Guantánamo
Akro­ba­tik als Vor­pro­gramm zur Noche Guan­tan­ame­ra

Partymeile Calle Los Maceo

Die Cal­le Los Maceo ist zwi­schen der Pla­za 24 de Febre­ro und der Pla­za Pedro A. Pérez für den Ver­kehr gesperrt, den gan­zen Tag über haben sie hier Büh­nen, Boxen und Buden auf­ge­baut. Und jetzt, am Abend, wird die Stra­ße end­gül­tig zur Par­ty­mei­le. Vor­her gibt es aber zur Ein­stim­mung noch ein Fami­li­en­pro­gramm. Auf dem Platz des 24. Febru­ar hal­ten in der Abend­däm­me­rung Zau­be­rei, Clow­ne­rei­en und Akro­ba­tik vor allem die Jüngs­ten unter den Besu­chern in Atem.

Kubanische Tanzschuhe in der Noche Guantanamera
Kuba­ni­sche Tanz­schu­he in der Noche Guan­tan­ame­ra

Gleich meh­re­re Grün­de gibt es für ein rau­schen­des Fest. Denn nicht nur das neue Jahr hat begon­nen, zum acht­und­fünf­zigs­ten Mal jährt sich zudem der Sieg der kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on. Am 01. Janu­ar 1959 war der ver­hass­te Dik­ta­tor Batis­ta aus dem Land geflo­hen und Fidel Cas­tro hat­te in San­tia­go de Cuba den Sieg ver­kün­det, ein fol­gen­schwe­rer Wen­de­punkt in der Geschich­te des Lan­des, des­sen Aus­wir­kun­gen sei­ner­zeit ganz sicher noch nicht abseh­bar waren.

Noche Guantanamera in Guantánamo
Eine jun­ge Ver­si­on von “Chan Chan” wird inter­pre­tiert

Von “Chan Chan” bis Changüí

Auf den Büh­nen der Nacht gibt es Musik für jeden Geschmack. Mit Tanz­schu­hen sowie klas­si­schen Hüten und Müt­zen aus­ge­stat­tet tanzt die älte­re Genera­ti­on zu Chan­güí, dem tra­di­tio­nel­len, hier aus der Gegend stam­men­den Musik­stil. Woan­ders hin­ge­gen domi­nie­ren nach­ge­mach­te Desi­gner­kla­mot­ten und die Turn­schu­he sind rot oder glän­zen gol­den, wäh­rend auf  den Hem­den der jun­gen Leu­te Brook­lyn, Chi­ca­go oder New York City steht. Oder ein­fach nur Love. Auch Shirts und Shorts in Tarn­far­ben sind im Trend, Mode im Camou­fla­ge-Look ist offen­sicht­lich rich­tig hip.

Älteres Paar beim Tanzen in der Noche Guantanamera
Alle Genera­tio­nen sind bei der Noche Guan­tan­ame­ra ver­tre­ten

Drei Sän­ge­rin­nen inter­pre­tie­ren eine moder­ne Ver­si­on des legen­dä­ren “Chan Chan”, jung und sexy. Ein Hauch von Buena Vis­ta Soci­al Club weht durch die Cal­le Los Maceo, wo die Häu­ser­fron­ten mit Säu­len geschmückt sind. Wie leben­dig Guan­tá­na­mo auf ein­mal ist, die­se schö­ne authen­tisch-kuba­ni­sche Stadt, jetzt in der Nacht!

Spezialitäten: Cerdo Asado und Pollo Frito

Schon seit dem frü­hen Nach­mit­tag wer­den Span­fer­kel über der Glut der vie­len Grills gedreht, das gerös­te­te Fleisch lan­det jetzt auf dem Tel­ler der hung­ri­gen Besu­cher. Und auch der lecke­re Duft von Brat­hähn­chen steigt mir in die Nase, Cer­do Asa­do und Pol­lo Fri­to sind ja nicht nur zur Noche Guan­tan­ame­ra typisch kuba­ni­sche Gerich­te. Dies­mal grei­fe ich zum Huhn, nach Schwei­ne­fleisch ist mir nicht so recht. Ich habe noch das Quie­ken der Tie­re im Ohr, die in den Tagen um Sil­ves­ter in den Stra­ßen von Guan­tá­na­mo zur Schlacht­bank geführt wur­den.

Rumores de mi Guaso während der Noche Guantanamera in Guantánamo
Zwi­schen John Len­non und Julio Igle­si­as spielt die Musik

Abstecher zur Casa de la Trova

Direkt vor dem Gebäu­de des städ­ti­schen Mark­tes bil­det ein ernst drein­bli­cken­der John Len­non zusam­men mit den ande­ren Pilz­köp­fen die Kulis­se, und auch ein jugend­li­cher Julio Igle­si­as dient hier als Deko­ra­ti­on. Der hät­te sicher Freu­de an den San­gesküns­ten der jun­gen Trou­ba­dou­re, die zu Beginn des Abends gefühl­vol­le Bal­la­den in die Men­ge schmet­tern, bevor sich die Musi­ker von Rumo­res de mi Gua­so anschlie­ßend die Ehre geben. Denen fol­ge ich spä­ter in die Casa de la Tro­va, wo es eine wei­te­re Dar­bie­tung der groß­ar­ti­gen Künst­ler gibt. Und wo es auch für mich dann an der Zeit ist, etwas Rum zu kon­su­mie­ren, den sich die Kuba­ner gleich fla­schen­wei­se gön­nen.

Gruppe Rumores de mi Guaso in der Casa de la Trova von Guantánamo
Grup­pe Rumo­res de mi Gua­so in der Casa de la Tro­va von Guan­tá­na­mo

Den Abschluss auf der Stra­ße bil­det spä­ter eine viel­köp­fi­ge Band mit einem Mix aus Reg­gae, Hip-Hop, elek­tro­ni­schen Klän­gen und tra­di­tio­nel­ler Musik: Reg­gae­ton ist ange­sagt!

Eine weitere Noche Guantanamera

Am nächs­ten Vor­mit­tag sind die Stra­ßen bereits gerei­nigt von den Spu­ren der Nacht und die Musik­an­la­gen wie­der abge­baut. Nur die Stän­de, an denen die Restau­rants von Guan­tá­na­mo in der Nacht gegrill­tes Schwein und Huhn feil­ge­bo­ten hat­ten, ste­hen noch. Stut­zig wer­de ich, als spä­ter dort wie­der Betrieb­sam­keit ein­kehrt. Es wer­den Geträn­ke aus­ge­schenkt und auch die Grills wer­den wie­der bestückt. Es scheint noch ein­mal wei­ter­zu­ge­hen, mög­li­cher­wei­se eine Art Res­te­ver­zehr?

Straßenfest Noche Guantanamera in Guantánamo
Noche Guan­tan­ame­ra: lang, laut und leben­dig

Auf ein­mal quillt eine Men­schen­men­ge aus einer der klei­ne­ren Sei­ten­stra­ßen. Halb­wüch­si­ge ren­nen vor­weg, tan­zend und ham­pelnd, gefolgt von Älte­ren, die ihren Trom­meln und Trö­ten ein ohren­be­täu­ben­des Spek­ta­kel ent­lo­cken. Gleich­sam, als ob sie böse Geis­ter ver­trei­ben woll­ten und wer weiß, viel­leicht ist genau das ja der Hin­ter­grund für die­se kur­ze, aber inten­si­ve Ein­la­ge in der Noche Guan­tan­ame­ra. Denn die geht nun, und das ist die eigent­li­che Über­ra­schung, in eine zwei­te Run­de. Bald ste­hen auch die Boxen wie­der, Mikro­fo­ne sind instal­liert und die Musi­kan­ten las­sen nicht lan­ge auf sich war­ten. Auf gehts in die zwei­te Nacht in Fol­ge in Guan­tá­na­mo und natür­lich bin auch ich wie­der mit­ten­drin!

Impressionen von der Noche Guantanamera in Guantánamo
Noche Guan­tan­ame­ra: eine Stadt im Par­ty­fie­ber

Night Fever in Guantánamo

Irgend­wann in der Nacht ist es dann vor­bei mit Live­mu­sik, aber die Boxen blei­ben in Betrieb und nie­mand geht nach Hau­se. Musik aus der Kon­ser­ve, eine bun­te Mischung aus Reg­gae, Bacha­ta und Dis­co­mu­sik, hält die Men­ge wei­ter in Bewe­gung. Die Leu­te bewe­gen sich rhyth­misch und als Dis­co­hits der 1980er-Jah­re erklin­gen, könn­te man glatt mei­nen, eine Tanz­schu­le per­for­me zu den Klän­gen von Boney M. oder den Bee Gees. Aber nein, die Kuba­ner haben die Musik halt ein­fach im Blut. Und jede Men­ge Rum natür­lich auch.

Eindrücke von der Noche Guantanamera
Zwei hei­ße Näch­te in Guan­tá­na­mo hin­ter­ein­an­der

Zum drit­ten Mal inner­halb weni­ger Wochen war ich nach Guan­tá­na­mo zurück­ge­kehrt, die Stadt lässt mich ein­fach nicht los. Und nun scheint es, als gehe die Feie­rei über­haupt nicht zu Ende, es ist gera­de­zu so, als wür­de es ein­fach immer wei­ter­ge­hen. Was für ein Fest, was für eine Nacht!

Wann findet die Noche Guantanamera statt?

Wäh­rend mei­ner Besu­che in Guan­ta­na­mo, im I. Halb­jahr 2017, fand die Noche Guan­tan­ame­ra unre­gel­mä­ßig statt, denn zuletzt hat­te es kei­nen Anlass für aus­ge­las­se­ne Fröh­lich­keit gege­ben. Im Okto­ber 2016 hat­te zunächst Hur­ri­kan Mat­thew die kuba­ni­sche Pro­vinz Guan­tá­na­mo heim­ge­sucht, anschlie­ßend war es der Tod von Fidel Cas­tro, der der Ver­an­stal­tung einen Strich durch die Rech­nung mach­te. Künf­tig soll die von den Ein­hei­mi­schen gelieb­te Par­ty jedoch wie­der regel­mä­ßi­ger statt­fin­den. Und wer Glück hat, ist dann eben­falls vor Ort. Und somit mit­ten­drin, wenn die Nacht wie­der lang und laut wird in Guan­tá­na­mo!

Autor, Reisereporter und Reiseblogger. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, seine vorherige berufliche Karriere zu beenden (um das böse Wort Mobbing zu vermeiden), treibt ihn die Neugier hinaus in die Welt und er erzählt Geschichten von unterwegs.

0 Kommentare zu “Die Noche Guantanamera, eine heiße kubanische Nacht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.