Ponte Dom Luís I, Porto.
Portugal

Der alte Mann & die Brücke, zwei Wahrzeichen von Porto

Aktua­li­siert am

Die mäch­ti­ge Pon­te Dom Luís I gehört zu den bekann­tes­ten Sehens­wür­dig­kei­ten Por­tos, sie ist ein Wahr­zei­chen der Stadt. Und gleich neben der berühm­ten Brü­cke befin­det sich eine wei­te­re Attrak­ti­on, ein Mural, das nicht zu über­se­hen ist. Das Wand­ge­mäl­de ist das Werk von Fre­der­i­co Draw, einem der bes­ten Street-Art-Künst­ler Por­tu­gals. Ich habe Fre­der­i­co getrof­fen und zu der Geschich­te des Kunst­werks befragt. Er hat das Geheim­nis um den alten Mann gelüf­tet. 

Die Pon­te Dom Luís I über­spannt den Dou­ro, von Por­to führt sie hin­über nach Vila Nova de Gaia. Zu den Port­wein-Kel­le­rei­en Calém, Bur­mes­ter, San­de­man, Gra­ham und wie sie alle hei­ßen. Und auch nach Afu­ra­da, dem char­man­ten Fischer­dorf, gelangt man. Einst die größ­te schmie­de­ei­ser­ne Bogen­brü­cke der Welt, ist die Pon­te heu­te ein Wahr­zei­chen der Stadt und auch als Aus­sichts­punkt beliebt. Man schaut hin­un­ter auf das glit­zern­de Was­ser der Dou­ro-Mün­dung, bevor sich der Fluss mit dem Atlan­tik ver­ei­nigt. Und auf die bun­ten alten Häu­ser mit ihren roten Dächern, das typi­sche Bild der Ribei­ra, der his­to­ri­schen Alt­stadt von Por­to.

Brücke Ponte Dom Luís I und Ribeira, die Altstadt Portos.
Blick “durch” die Pon­te Dom Luís I Rich­tung Ribei­ra

Und spä­tes­tens, wenn man vom Abste­cher auf die ande­re Sei­te wie­der zurück­kehrt, fällt der Blick auch auf das impo­san­te Kunst­werk mit dem Namen An.fi.tri.ão. Auf einen alten Mann, der mit wachen Augen von dem Mural her­ab­blickt und die Besu­cher Por­tos mit einer ein­la­den­den Ges­te will­kom­men heißt. Man läuft dem Gast­ge­ber, das ist die Bedeu­tung von Anfi­trião, gera­de­wegs in die Arme.

Ponte Dom Luís I, ein Wahrzeichen Portos.
Die Fuß­gän­ger tei­len sich die Pon­te Dom Luís I mit der Metro

Der Begriff – was ist ein Mural?

Mural bedeu­tet Wand­ma­le­rei, die Mau­er dient dabei, anstel­le von Holz oder Lein­wand, als Unter­grund. Ihren Ursprung haben Murals im Mura­lis­mo, einer Kunst­form, die aus Latein­ame­ri­ka stammt. Bei den Gemäl­den han­delt es sich oft um Auf­trags­ar­bei­ten, teil­wei­se ent­ste­hen sie auch im Rah­men von Street-Art-Fes­ti­vals. Da das Wesen von Street Art mit ihren unter­schied­li­chen Erschei­nungs­for­men jedoch eigent­lich in ihrer Ille­ga­li­tät liegt, sind Murals wie das Kunst­werk von Fre­der­i­co Draw streng­ge­nom­men eher der Urban Art zuzu­rech­nen. Unter urba­ner Kunst wer­den sämt­li­che Aus­prä­gun­gen von Kunst im öffent­li­chen Raum zusam­men­ge­fasst.

Street Art in Porto. An.fi.tri.ão von Frederico Draw.
Am Ende der Brü­cke war­tet “An.fi.tri.ão”, der Gast­ge­ber

Parkplatzkunst in Rio Tinto

Charles Dar­win und Albert Ein­stein bli­cken mir ent­ge­gen. Außer­dem zwei Por­tu­gie­sen, deren Name mir bis­lang nichts sagt. Ihre Kon­ter­feis schmü­cken den Park­platz einer Schu­le in Rio Tin­to im Nord­os­ten von Por­to und signa­li­sie­ren, hier bin ich rich­tig. In dem Vor­ort bin ich mit Fre­der­i­co Soares Cam­pos, Künst­ler­na­me Fre­der­i­co Draw oder ein­fach nur Draw, ver­ab­re­det und die berühm­ten Gesich­ter von Ein­stein & Co. erin­nern stark an den Stil des Künst­lers. Doch das Gebäu­de der Esco­la Secun­dá­ria de Rio Tin­to ist abge­schlos­sen, kein Mensch weit und breit. Trotz der Murals, es ist nicht der Ort unse­rer Ver­ab­re­dung.

Urbane Kunst in Rio Tinto. Mural von Albert Einstein.
Ein­stein als Kunst­ob­jekt in Rio Tin­to

Mein Umweg war jeden­falls nicht für die Katz, denn wenigs­tens habe ich die Kunst­wer­ke aus­gie­big unter die Lupe genom­men. Fre­der­i­co Draw wird spä­ter berich­ten, dass sie im Rah­men eines Pro­jek­tes ent­stan­den sind, dass Teil­neh­mer eines Kunst­kur­ses unter sei­ner Anlei­tung tätig waren. Nach­zu­tra­gen ist noch, um wen es sich bei den bei­den ande­ren han­delt – neben Charles Dar­win, dem Begrün­der der moder­nen Evo­lu­ti­ons­theo­rie, und Albert Ein­stein, dem Phy­si­ker und wohl berühm­tes­ten Wis­sen­schaft­ler über­haupt. Denn der illus­tre Kreis vir­tu­el­ler Schul­pa­ten wird noch von zwei Dich­tern und Den­kern ergänzt.

Urbane Kunst. Gemälde von Charles Darwin in Rio Tinto.
Mural des Natur­for­schers Charles Dar­win

Sophia de Mel­lo Breyner And­re­sen ist die Uren­ke­lin eines däni­schen Ein­wan­de­rers und zählt zu den wich­tigs­ten por­tu­gie­si­schen Autorin­nen. Sie selbst bezeich­ne­te sich als Geschich­ten­er­zäh­le­rin. Und um einen bedeu­ten­den Autoren sowie Dich­ter han­delt es sich auch bei Fer­nan­do Pes­soa aus Lis­sa­bon. Der schrieb nicht nur unter 72 ver­schie­de­nen Namen, sogar eige­ne Bio­gra­fi­en dach­te er sich für man­che der fik­ti­ven Cha­rak­te­re aus. Zu einem der bedeu­tends­ten Lite­ra­ten des 20. Jahr­hun­derts wur­de Pes­soa jedoch erst nach sei­nem Tod, zu Leb­zei­ten waren die meis­ten sei­ner Wer­ke unver­öf­fent­licht geblie­ben.

Künstler Frederico Draw, eigentlich Frederico Soares Campos.
Der Künst­ler bei der Arbeit

Frederico Draw bei der Arbeit

Nach weni­gen hun­dert Metern habe ich den rich­ti­gen Ziel­ort dann doch end­lich erreicht. Fre­der­i­co erwar­tet mich bereits und führt durch das Gebäu­de. Schul­bän­ke sind hier längst nicht mehr vor­han­den, statt­des­sen bie­ten die ehe­ma­li­gen Unter­richts­räu­me nun krea­ti­ven Men­schen Raum, sie wer­den von Künst­lern unter­schied­li­cher Gen­res genutzt.

Visual artist Frederico Draw.
Der Künst­ler und sei­ne Wer­ke

Fre­der­i­co Draw hat sich die obe­re Eta­ge gesi­chert, wo er Bil­der für eine bevor­ste­hen­de Aus­stel­lung vor­be­rei­tet. Auf Lein­wand dies­mal, es müs­sen also nicht immer groß­flä­chi­ge Haus­fas­sa­den sein, die als Unter­grund die­nen. Hier, in der frü­he­ren Schu­le in Rio Tin­to hat er jeden­falls aus­rei­chend Platz für die Fer­ti­gung der Por­träts, die für den Künst­ler so cha­rak­te­ris­tisch sind.

Die Geschichte des Künstlers

Die Wur­zeln sei­nes krea­ti­ven Schaf­fens lie­gen bereits in jun­gen Jah­ren, als 12-Jäh­ri­ger ist er von Graf­fi­ti fas­zi­niert. Begeis­tert von der aus New York stam­men­den Hip-Hop-Kul­tur hat Fre­der­i­co zu die­sem Zeit­punkt jedoch noch kei­ne eige­nen künst­le­ri­schen Ambi­tio­nen.

Frederico Draw, Street-Art-Künstler und Visual Artist.
Fre­der­i­co Draw: ein ehe­ma­li­ge Schu­le in Rio Tin­to dient ihm als Ate­lier

Spä­ter, zu Beginn sei­ner Kar­rie­re als bil­den­der Künst­ler steht dann zunächst die Arbeit mit Nackt­mo­del­len im Fokus, Gesich­ter sind noch nicht das bevor­zug­te Motiv. Auch der Dar­stel­lung von Hän­den wid­met er sich anschlie­ßend noch eine Wei­le und erst über die­se Sta­tio­nen ent­deckt Fre­der­i­co Draw schließ­lich sein Fai­ble für die Wie­der­ga­be expres­si­ver Gesichts­zü­ge. Um wen han­delt es sich bei den por­trä­tier­ten Men­schen? Hin und wie­der nutzt Fre­der­i­co die Gele­gen­heit und foto­gra­fiert Leu­te, die bei ihm zu Besuch sind. Um spä­ter dann, je nach Bedarf, aus die­sem Bild­ar­chiv pas­sen­de Vor­la­gen aus­zu­wäh­len.

Street Art in Porto. Frederico Draw. Temporäres Kunstwerk vor der Galerie BECUH .
Tem­po­rä­res Kunst­werk von DRAW vor der Gale­rie BECUH in Por­to

In Por­to gibt es zu Fre­der­i­cos Bedau­ern nicht vie­le Mög­lich­kei­ten, um sei­ne mäch­ti­gen Murals auf geeig­ne­ten Flä­chen zu prä­sen­tie­ren. Oft ist er jedoch außer­halb, in ande­ren por­tu­gie­si­schen Städ­ten, unter­wegs und im Aus­land ist sei­ne Kunst eben­falls gefragt. Auch in der Luther­stadt Wit­ten­berg hat Fre­der­i­co Draw schon sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen. Nach Rom wur­de er ein­ge­la­den, um den berühm­ten ita­lie­ni­schen Regis­seur und Dich­ter Paso­li­ni mit einem Gemäl­de zu ehren (hier ein Film aus der Ent­ste­hungs­pha­se) und in New York hat er ein Bild der puer­to­ri­ca­ni­schen Lyri­ke­rin Julia de Bur­gos gemalt, um nur eini­ge Bei­spie­le zu nen­nen.

Street Art auf São Miguel, Azoren. Mural von Frederico Draw aus dem Jahr 2013.
Ent­de­ckung auf der Azo­ren-Insel São Miguel: ein “ech­ter Draw” (von 2013)

Auch in den Stra­ßen von Pon­ta Del­ga­da, der Haupt­stadt der Azo­ren­in­sel São Miguel, ist eines von Fre­der­i­cos Wer­ken zu fin­den. Spä­ter soll­te ich davon über­rascht wer­den, denn Street Art auf den Azo­ren hat­te ich nicht unbe­dingt erwar­tet. Eine Fra­ge drängt sich noch auf mit Blick auf die abge­bil­de­ten Men­schen, nie sind lachen­de Gesich­ter auf den Bil­dern zu fin­den, was ist der Grund? Fre­der­i­co schüt­telt den Kopf, nein, das sei tat­säch­lich nicht sein Ding. Er will erns­te Gesich­ter, die sei­en aus­drucks­stär­ker, etwas ande­res kom­me für ihn nicht infra­ge.

Das Geheimnis des Murals

Doch zurück zur Pon­te Dom Luís I, Por­tos berühm­ter Brü­cke, und zum gro­ßen Gemäl­de dane­ben, an dem jeder Besu­cher der Stadt frü­her oder spä­ter vor­bei­kommt. Vie­le Fotos machen die Tou­ris­ten von die­sem Blick­fang zwar, doch nie­mand kennt sein Geheim­nis. Es ist Zeit, Fre­der­i­co Draw die Geschich­te des Kunst­werks erzäh­len zu las­sen und, um es gleich vor­weg zu neh­men, bei dem alten Mann han­delt es sich um sei­nen Groß­va­ter.

Ponte Dom Luís I, Porto.
Jeder Por­to-Besu­cher läuft irgend­wann über die berühm­te Brü­cke

Das Wand­bild ist 2015 ent­stan­den. Ohne den Opa vor­ab ein­zu­wei­hen, hat­te Fre­der­i­co des­sen Gesicht auf die Fas­sa­de gemalt. Und erst, als das Kunst­werk fer­tig war, auch das Fern­se­hen war bei die­sem gro­ßen Augen­blick dabei, hat er den alten Mann dann an den popu­lä­ren Ort nahe dem Dou­ro-Fluss gebracht und so natür­lich für eine gro­ße Über­ra­schung gesorgt. Mäch­tig stolz war der Groß­va­ter, als er das Ergeb­nis der heim­li­chen Kunst­schöp­fung sah – auf das vor­treff­lich gelun­ge­ne Por­trät, das ihn selbst zeigt, und natür­lich auf den gran­dio­sen Künst­ler, sei­nen Enkel.

Street Art in Porto. An.fi.tri.ão von Frederico Draw.
Ein­la­den­de Ges­te von An.fi.tri.ão, dem Gast­ge­ber

Dem Namen des Kunst­wer­kes, An.fi.tri.ão, kommt im Übri­gen eine dop­pel­te Bedeu­tung zu. Zunächst ein­mal ist der alte Mann ja der sym­bo­li­sche Gast­ge­ber der Stadt Por­to und heißt die vor­bei­lau­fen­den Besu­cher will­kom­men. Tat­säch­lich hat er die­se Rol­le anfangs aber auch für sei­nen Enkel ein­ge­nom­men. Als Fre­der­i­co näm­lich zum Stu­di­um nach Por­to kam, hat ihm der Groß­va­ter mit sei­ner Gast­freund­schaft die Ein­ge­wöh­nung in die gro­ße Stadt erleich­tert. Was für eine tol­le Ges­te, sich nun auf die­se Wei­se dafür zu bedan­ken!

Porto von oben, Blick auf die Altstadt von der Ponte Dom Luís I
Por­to von oben, Blick auf die Alt­stadt von der Pon­te Dom Luís I

Inzwi­schen ist das Gemäl­de ein Wahr­zei­chen von Por­to, ähn­lich wie die ande­ren Attrak­tio­nen, die nur weni­ge hun­dert Meter ent­fernt zu fin­den sind. Wie die Brü­cke in direk­ter Nach­bar­schaft. Wie, gleich um die Ecke, Sé do Por­to, die Kathe­dra­le mit den typisch-por­tu­gie­si­schen Azu­le­jos. Wie der berühm­te Bahn­hof, Estação de São Ben­to, im Inne­ren eben­falls mit vie­len der bun­ten Kacheln aus­ge­stal­tet. Oder wie der Tor­re dos Clé­ri­gos, der Turm der baro­cken Clé­ri­gos-Kir­che, einer der belieb­tes­ten Aus­sichts­punk­te.

Urbane Kunst und Architektur als Wahrzeichen

Sie sind für die Ewig­keit geschaf­fen, die­se Meis­ter­wer­ke der Archi­tek­tur, so wirkt es zumin­dest. Sie sind mas­siv und robust. Unver­wüst­lich etwa wie die Brü­cke Pon­te Dom Luís I – eröff­net 1886 und seit­dem zuver­läs­sig in Betrieb. Das Mural hin­ge­gen zeigt sei­ne Ver­gäng­lich­keit, nach drei Jah­ren bereits blät­tert Far­be vom mor­schen Putz. Aber auch ver­bin­den­des gibt es zwi­schen Bau­kunst und Wand­ge­mäl­de: Archi­tek­ten sind näm­lich alle­samt ver­ant­wort­lich für die Ent­ste­hung, denn ein sol­cher ist ursprüng­lich auch Draw, der begna­de­te Street-Art-Künst­ler.

Street Art in Porto. Kunstwerk An.fi.tri.ão von Frederico Draw.
Der Groß­va­ter des Künst­lers, ein Wahr­zei­chen der Stadt

Auch urba­ne Kunst und Street Art sind jeden­falls, neben den übli­chen Sehens­wür­dig­kei­ten, ein span­nen­der Teil des Stadt­bil­des und nicht weg­zu­den­ken aus Por­tos Stra­ßen. Vie­le krea­ti­ve Künst­ler tra­gen dazu bei, zu den bekann­tes­ten gehö­ren außer­dem Hazul Luzah mit sei­nen mys­ti­schen For­men und Nuno Costah mit bun­ten Vögeln und ande­ren lus­ti­gen Figu­ren. Mit An.fi.tri.ão stammt jedoch nicht nur das größ­te Kunst­werk von Fre­der­i­co Draw, auch die Geschich­te dahin­ter ist zwei­fel­los die schöns­te. Wenn­gleich sie kei­ner der Besu­cher kennt, der über Por­tos berühm­te Brü­cke kommt und am “Gast­ge­ber” vor­bei­läuft.


Frederico Draw – auf einen Blick

Auf sei­ner Web­site gibt es wei­te­re Infor­ma­tio­nen über Fre­der­i­co Draw und auf Insta­gram sowie Face­book vor allem Mate­ri­al zu aktu­el­len Pro­jek­ten des Künst­lers.

Autor, Reisereporter und Reiseblogger. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, seine vorherige berufliche Karriere zu beenden (um das böse Wort Mobbing zu vermeiden), treibt ihn die Neugier hinaus in die Welt und er erzählt Geschichten von unterwegs.

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