Deutschland

Kunst aus Hannovers Kiez: Wolfgang Supper und die Lust am Leben

In Linden, wo Hannover hip und bunt ist, setzt Wolfgang Supper Frösche und andere lustige Figuren in die Welt. In der Menagerie, einem Lindener Café, habe ich den Maler und Bildhauer getroffen – einen äußerst sympathischen Künstler mit einer bemerkenswerten Geschichte.

„Ich bin der Herr der Frösche“ sagt Wolfgang schmunzelnd. Allein aus Stein habe er schon mehr als sechshundert Tiere modelliert. Und auch auf seinen Bildern sei meist einer der grünen Hüpfer zu finden. „Irgendwo springen sie immer herum, lachende Frösche mit einer sympathischen Seele“, fügt er fröhlich hinzu.

Wolfgang Supper vor seinen Bildern in der Menagerie

Ein vergnüglicher Auftakt meines Gesprächs mit dem Maler und Bildhauer Wolfgang Supper, doch werfen wir zunächst einen kurzen Blick zurück, denn nur wenige Tage zuvor war mir der Vater der lustigen Viecher noch gar kein Begriff. „Wie, Du kennst Wolle Supper nicht?“, hieß es stattdessen so manches Mal, wenn ich vom anstehenden Treffen mit dem Künstler berichtete.

Lindens schöne Häuser

Schöne Häuser & leckerer Kuchen

Schöne Häuser sind charakteristisch für Linden. Viele Gebäude in Hannovers Multikulti-Stadtteil stammen aus der Gründerzeit, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts also, und auch von der Menagerie aus fällt der Blick auf einige dieser attraktiven Bauwerke. Das Café befindet sich an einer ruhigeren Kreuzung in Linden-Nord, etwas abseits der lebhaften Limmerstraße mit ihren vielen Geschäften und Restaurants. Wenn ich in der Heimat bin und nicht gerade irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs, mache ich hier oft und gern Halt. Auf ein Stück Kuchen. Oder zwei.

Attraktive Architektur, ein Markenzeichen des Szeneviertels Linden

Neben der köstlich-üppigen Kuchenauswahl ist es diesmal nicht nur der Anblick der Häuser in der Nachbarschaft. Auch die vielen bunten Bilder im Inneren der Kaffeebar sind es, die ins Auge fallen. Vögel, Frösche und andere Tiere sowie bumsfidel-knutschende Figuren verbreiten eine fröhliche Stimmung und prompt ist meine Neugier geweckt, ich muss wissen, wer hinter diesen heiteren Gemälden steckt. „Wolle kenne ich seit mindestens 30 Jahren“, erzählt die Chefin der Menagerie. Das Café betreibt sie seit zehn Jahren und Kunst war von Anfang an mit dabei. „Alle drei Monate gibt es einen Wechsel“, berichtet Petra Djampour und diesmal sei es für sie eine ganz besondere Ausstellung. Dass der aktuelle Künstler sein Atelier gleich um die Ecke hat, erfahre ich außerdem.

„Zer­reiß­pro­be“: Frosch zwischen den Fronten

Nachdem der spontane Versuch, Wolfgang Supper dort anzutreffen, zunächst vergeblich ist, sind wir dann bald darauf jedoch verabredet. Dort, wo es Kunst und Kuchen aus Linden gibt. In der Menagerie, wo sonst?

„Stein hat mich fasziniert“

Mittlerweile seit 57 Jahren in Linden zu Hause, hat sich Wolfgang Supper in jungen Jahren in ganz unterschiedlichen Dingen ausprobiert. Hatte der heute 64-Jährige zunächst den Beruf des Bäckers erlernt, arbeitete er außerdem als Möbelträger, Fernfahrer und Glaser. Aber auch der Philosophie galt sein Interesse, genau wie der Astrologie und der Literatur. Und: „Stein hat mich damals schon fasziniert“, erzählt Wolfgang, der folgerichtig dann auch bald zum Steinmetz umschulte, worauf noch eine weitere Ausbildung als Bildhauer folgen sollte, bis der vielseitig interessierte junge Mann schließlich ein Kunststudium aufnahm. Rugby hat der Butjer, so nennen sie die „echten“ Lindener, übrigens auch gespielt, bei Victoria Linden, einem traditionsreichen Sportverein des Viertels.

Wolfgang Supper, die Arbeit mit Stein fasziniert ihn

Wolfgang Supper und die 80er Jahre

Aber auch mit Geschichte habe er sich damals viel beschäftigt, verrät Wolfgang Supper. Daraus seien dann zum Beispiel Mahnmale entstanden, Berge aus Schädeln etwa. Das ging so lange, bis sein Prof schließlich ein Machtwort sprach. „Mach Du mal lieber Deine Tiere“, lautete die deutliche Ansage des Professors, für Wolfgang war es das Signal, endlich loszulassen. Sich mit der dunklen Seite der Geschichte zu beschäftigen, macht auf Dauer mürbe, lautete die Erkenntnis des jungen Künstlers, der seine Kreativität fortan fröhlicheren Motiven widmete.

Wolfgang Suppers Fische am Lindener Schmuckplatz

Die ersten Ergebnisse seines künstlerischen Schaffens hat Wolfgang Supper in der hannoverschen Altstadt präsentiert. Dort habe er in den 80er Jahren auf dem Flohmarkt, dem ersten überhaupt in Deutschland, seine Figuren, Eidechsen und natürlich Frösche, verkauft. Auch Ausstellungen gab es damals bereits, in Lindener Kneipen. „Deren Namen sind aber längst Schall und Rauch“, weiß der eingefleischte Lindener zu berichten. Und überhaupt habe sich im Stadtteil seitdem viel verändert. „Vor vierzig Jahren gabs schnell mal was auf die Backen und ratzfatz war eine Massenhauerei im Gange“, erzählt Wolfgang schmunzelnd. Hausfrauen hätten dabei aus dem Fenster auf die Straße geschaut und die Streithähne sogar noch angefeuert. „Hau drauf“ habe es da schon mal geheißen.

„Am Strand“ von Wolfgang Supper ist ganz schön was los

Nanu, was war los? Wer hat sich denn da gekloppt? Ich will es genau wissen und erfahre, dass es meist Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Türken waren, das sei damals durchaus an der Tagesordnung gewesen. Eine Antwort, die dem Künstler sichtlich unangenehm ist. Sieh an, war dieses multikulturelle Linden also gar nicht immer so tolerant, wie es sich heute gibt?

Kiez, Kunst und Kussköppe

Und wie sieht Wolfgang Supper das inzwischen mit dem Klischee Szenestadtteil behaftete Linden heute? Die Gentrifizierung gefalle ihm nicht. Die Wohnungen würden immer teurer und vor allem sozial schwächere Menschen könnten sich die Mieten nicht leisten. Das Werteverhältnis stimme einfach nicht mehr. „Den einen gehts gut, andere rennen zur Tafel“, merkt Wolfgang traurig an.

„Gemeinschaft“, ein weiteres buntes Werk von Wolfgang Supper

Vom Lindener Kiez zurück zu Wolfgang Suppers Kunstwerken. Wie kommen die zustande? Was inspiriert den Künstler? Der erzählt, dass es vor allem selbst Erlebtes, Erahntes oder Gesehenes sei. Ganz alltägliche Dinge, aber auch gesellschaftliche Themen verarbeite er in seinen Bildern. Die Fantasie der Betrachter soll angeregt werden und gern dürfe man über die Motive selbst ein wenig nachdenken. „Mit Logik kommste von A nach B, aber mit Fantasie überall hin“, fügt Wolfgang hinzu. Wichtig sei ihm zudem, dass die Figuren im Dialog miteinander sind und Spaß haben.

„Kussköppe“, ein Frosch darf bei der Knutscherei natürlich nicht fehlen

Die Welt ein bisschen schöner machen

In einem ganz speziellen Dialog befinden sich offensichtlich die knutschenden Protagonisten, die auf manchen Werken zu sehen sind. Was hat es mit diesen busselnden Pärchen auf sich? Das seien Kussköppe, ein Symbol der Freude und der Liebe, verrät Wolfgang. Eine kleine Anleihe bei den Fratzen der Renaissance, die hätten früher Schutz vor Bösem geboten. Das Ziel seiner Arbeit insgesamt bringt der Künstler dann auf die ihm eigene Weise auf den Punkt: „Ich kann die Welt nicht verändern, aber dazu beitragen, sie ein bisschen schöner zu machen.“

Wolfgang Supper in der Menagerie

Die Lust am Leben

Davon, dass nicht alles immer schön ist, kann Wolfgang Supper ein Lied singen. Vor zwölf Jahren mussten dem Künstler beide Lungen transplantiert werden, eine genetisch bedingte Krankheit war der Grund. „Jetzt bin ich froh, dass ich lebe“, sagt er und genau das ist es, was er vermittelt. Mit fröhlichen Kunstwerken, aber auch mit klugen Worten, aus denen Erfahrung und ganz viel Lust am Leben sprechen. „Das Leben ist eine schöne Sache, man muss es nur genießen, manchmal vergisst man das“, sagt Wolle Supper, der Lindener Butjer und Künstler mit der sympathischen Seele, die er auch an seine Frösche und all die anderen lustigen Figuren weitergibt.

Kunst & Kuchen in Linden – auf einen Blick

Wo findet man Wolfgang Supper, den Maler und Bildhauer? Wie sieht es aus mit Website oder Social Media? Fehlanzeige! „Wenn die Leute was wollen, sollen sie einen Brief schicken oder anrufen“ teilt der Künstler umwerfend sympathisch-altmodisch mit. Dass er in seinem Atelier auch gern Besuch empfängt, ist noch zu ergänzen. Die Kontaktdaten: Kötnerholzweg 60a, Tel. +49 (0)511 2101925

Das Café Menagerie ist zu finden im Kötnerholzweg 47a (Tel. +49 (0)511 1623802) und, als hätten sich die beiden abgesprochen, auch Petra Djampour, die Chefin, investiert ihre Zeit lieber in das Backen von leckerem Kuchen als in Werbeaktionen via Internet. Direkt hingehen muss man also, um Kuchen (und Kunst) in Linden zu genießen, es gibt wahrlich schlimmeres. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9-18:30 Uhr, Samstag und Sonntag 10-18:30 Uhr.

Autor, Reisereporter und Reiseblogger. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, seine vorherige berufliche Karriere zu beenden (um das böse Wort Mobbing zu vermeiden), treibt ihn die Neugier hinaus in die Welt und er erzählt Geschichten von unterwegs.

8 Kommentare zu “Kunst aus Hannovers Kiez: Wolfgang Supper und die Lust am Leben

  1. Renate Wötzel

    Sehr schöne Reportage 👍

  2. Frank Heidrich

    Viele interessante Informationen. Wir werden dann mal in das Café Menagerie gehen und den Kuchen und die Bilder genießen.
    Nur das mit dem Rugby passt nicht ganz. Linden 07 hat meines Wissens nie Rugby angeboten. War es nicht eher Victoria Linden? Bitte nicht böse sein für diese Frage.

    • Wolfgang

      Vielen Dank für das Feedback! 😀 Die Ausstellung von Wolfgang Supper ist allerdings inzwischen vorbei und es gibt etwas neues … trotzdem lohnt es sich ganz bestimmt!

      Und klar, Victoria Linden ist korrekt, es war mein Fehler, der Künstler hatte es mir richtig mitgegeben! Ist berichtigt, herzlichen Dank für den Hinweis! 😉

  3. Ein Meister, der sein Handwerk sehr gut beherrscht 🙂 Das sind schöne Kunstwerke

  4. wolfgang supper

    hallo mein Lieber

    sehr schöner Bericht, haste toll gemacht,
    strahle über alle Ohren.
    mehr, wenn wir uns wiedersehen.
    gruss und eine schöne Zeit für Dich
    Wolle Supper

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