Blick auf Hannover mit Altstadt, Marktkirche und Goseriede.
Deutschland

Denkmaltag in Hannover: als Tourist in der eigenen Stadt

Aktua­li­siert am

Ein­mal Tou­rist sein in der Hei­mat und his­to­ri­sche Sehens­wür­dig­kei­ten in Han­no­ver ent­de­cken. Mög­lich macht es der Tag des offe­nen Denk­mals, bei dem in die­sem Jahr elf inter­es­san­te Bau­wer­ke im Mit­tel­punkt stan­den. Das span­nen­de dar­an? Die meis­ten sind für die Öffent­lich­keit sonst kaum zugäng­lich. 

Ein Sonn­tag im Sep­tem­ber, spät­som­mer­lich warm ist es in Han­no­ver. Fabel­haf­te Bedin­gun­gen für eine Exkur­si­on in Nie­der­sach­sens Haupt­stadt. Sight­see­ing vor der eige­nen Haus­tür statt irgend­wo in der gro­ßen wei­ten Welt. Eini­ge der Sehens­wür­dig­kei­ten sind bes­tens bekannt. Von außen aller­dings nur, von innen hat­te ich bis­her noch kei­nes der Bau­wer­ke gese­hen.

Tag des offenen Denkmals: Was ist das?

Ursprüng­lich aus Frank­reich stam­mend und dort erst­mals 1984 umge­setzt, wur­de die Idee nach und nach von wei­te­ren Län­der auf­ge­grif­fen. 1991 hat der Euro­pa­rat die European Heri­ta­ge Days initi­iert, wäh­rend in Deutsch­land die Deut­sche Stif­tung Denk­mal­schutz seit 1993 den Tag des offe­nen Denk­mals koor­di­niert. Die Ver­an­stal­tung fin­det jähr­lich, jeweils am zwei­ten Sonn­tag im Sep­tem­ber, statt, nächs­ter Ter­min: 10.09.2017. Jedes Mal gibt es etwas Neu­es zu ent­de­cken, im kom­men­den Jahr wird das Event unter dem Mot­to „Macht und Pracht“ ste­hen. “Gemein­sam Denk­ma­le erhal­ten” lau­te­te der Leit­spruch in die­sem Jahr. Wer die im Text genann­ten Stät­ten unab­hän­gig vom Denk­mal­tag erfor­schen möch­te: Kon­kre­te Infos zu den betei­lig­ten Sehens­wür­dig­kei­ten in Han­no­ver fol­gen am Ende die­ses Arti­kels.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Siegesgöttin Victoria auf der Waterloosäule
Water­loo­säu­le: 7 Jah­re hat der Bau gedau­ert, oben thront Vic­to­ria

Ers­te Sta­ti­on: ein Blick über Han­no­ver aus der Vogel­per­spek­ti­ve. Ziel ist die Water­loo­säu­le, bereits von wei­tem zu sehen, ganz oben thront Vic­to­ria, die Sie­ges­göt­tin. In der rech­ten Hand hält sie den Kranz aus Lor­beer, das Sym­bol des Sie­ges. Erin­nern soll das Denk­mal, nomen est omen, an die gleich­na­mi­ge Schlacht, das Gemet­zel bei Water­loo.

Hannovers Sieg gegen Napoleon

Man schrieb das Jahr 1815, als hun­der­te Han­no­ve­ra­ner maß­geb­lich an der Nie­der­la­ge Napo­le­ons betei­ligt waren. Trup­pen des König­reichs Han­no­ver kämpf­ten Sei­te an Sei­te mit Eng­län­dern und Preu­ßen gegen Napo­le­ons Gran­de Armée. Ort des Gesche­hens: Water­loo im heu­ti­gen Bel­gi­en. Für den besieg­ten Fran­zo­sen­kai­ser ging es anschlie­ßend bekannt­lich ins Exil. Nach St. Hele­na, ein­sa­me Insel irgend­wo im Süd­at­lan­tik zwi­schen Afri­ka und Süd­ame­ri­ka. Zwar heißt es, man lang­wei­le sich dort zu Tode, der ehe­ma­li­ge Feld­herr und Dik­ta­tor wur­de jedoch vom Krebs dahin­ge­rafft.

Sehenswürdigkeiten in Hannover: Waterloosäule und U-Bahn-Station Waterloo
Alles Water­loo: U‑Bahn-Sta­ti­on am Water­loo­platz, über­ragt von der Sie­ges­säu­le

Die Bestei­gung der Sie­ges­säu­le ist nur sel­ten mög­lich, groß ist daher der Andrang am Sonn­tag­vor­mit­tag. 189 Stu­fen füh­ren hin­auf zur Aus­sichts­platt­form, wo der Jour­na­list Con­rad von Meding für Erläu­te­run­gen sorgt. Auf das Nie­der­sach­sen­sta­di­on, qua­si zu Füßen des Monu­ments lie­gend, fällt der Blick. Nie­der­sach­sen­sta­di­on? Aber ja, ein­ge­fleisch­ten Han­no­ve­ra­nern wird der neue Name der Are­na, gestif­tet von finanz­kräf­ti­gen Spon­so­ren, nicht über die Zun­ge gehen. Der wech­selt ohne­hin alle paar Jah­re, Nie­der­sach­sen­sta­di­on aber, das bleibt.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, HDI-Arena, das ehemalige Niedersachsenstadion
Han­no­vers Fuss­ball­are­na Nie­der­sach­sen­sta­di­on

Nie­der­sach­sen­sta­di­on klingt nach Bier und Brat­wurst, nach mor­schen Holz­bän­ken und Hel­den der Ver­gan­gen­heit. Als die Roten, wie die Ball­künst­ler von 96 genannt wer­den, Meis­ter­schaf­ten und Pokal­sieg nach Han­no­ver hol­ten. Aktu­el­le Namens­ge­ber der Are­na kom­men und gehen. Sind belie­big und aus­tausch­bar, eines aber ganz sicher nicht: zur Iden­ti­fi­ka­ti­on geeig­net. Nie­der­sach­sen­sta­di­on ist da anders, ist Sym­bol für Tra­di­ti­on. Und für Ver­bun­den­heit zur Regi­on. Wer­te, die bestimmt auch den wacke­ren Bur­schen vor 200 Jah­ren nicht fremd waren. Den Han­no­ve­ra­nern, die aus­zo­gen, um Napo­le­on zu zei­gen, wo der Bart­hel den Most holt.

Mediengeschichte in Hannover

Wir erfah­ren, dass die ursprüng­li­che Alt­stadt von Han­no­ver tat­säch­lich grö­ßer und teil­wei­se anders­wo ver­or­tet war als das, was nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs um die Markt­kir­che her­um aus Schutt und Rui­nen ent­stan­den ist.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Anzeiger-Hochhaus am Steintor
Im Anzei­ger-Hoch­haus wur­de Medi­en­ge­schich­te geschrie­ben

Eini­ge Bau­wer­ke mit grü­nen Kup­peln bil­den mar­kan­te Punk­te im han­no­ver­schen Stadt­bild. Das Ver­lags­ge­bäu­de Anzei­ger-Hoch­haus etwa, ein Wahr­zei­chen der Stadt. Gebaut in den 1920er Jah­ren als eines der ers­ten Hoch­häu­ser im dama­li­gen Deut­schen Reich. Augen­zwin­kernd lenkt Zei­tungs­mann von Meding die Auf­merk­sam­keit auf das Archi­tek­tur-Denk­mal, schließ­lich beher­bergt es neben dem höchs­ten Kino­saal Deutsch­lands auch die Redak­ti­on des Exper­ten für Stadt­ent­wick­lung und Archi­tek­tur. Bedeu­ten­de Nach­kriegs­jour­na­lis­ten schrie­ben hier Medi­en­ge­schich­te. Rudolf Aug­stein war gebür­ti­ger Han­no­ve­ra­ner und ist im Stadt­teil Lin­den zur Schu­le gegan­gen. Er grün­de­te im Anzei­ger-Hoch­haus das Nach­rich­ten­ma­ga­zin “Der Spie­gel”. Auch Hen­ri Nan­nens “Stern” ent­stand hier.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Blick vom Neuen Rathaus
Blick auf Han­no­ver aus der Vogel­per­spek­ti­ve, hier vom Neu­en Rat­haus

Döhrens mittelalterlicher Turm

“Woh­nen da Leu­te drin?” fragt ein klei­ner Jun­ge. Ich habe mich in die Schlan­ge ein­ge­reiht, die sich bereits vor dem Döh­rener Turm, mei­nem zwei­ten Anlauf­punkt, gebil­det hat. Nein, aber frü­her der Turm­wär­ter, erzählt die Dame, die drau­ßen die Besu­cher mit Infos ver­sorgt. Und dreht den Spieß prompt um, befragt den klei­nen Mann nun ihrer­seits, ob Han­no­ver denn in der Schu­le schon behan­delt wur­de. Wie auch immer, auf ein­mal ist Fried­rich Haar­mann The­ma des Gesprächs. Der Seri­en­mör­der, um den sich schau­ri­ge Geschich­ten ran­ken. Der aber nichts mit dem Turm hier zu tun hat­te. Fritz hat­te sein Revier im Zen­trum von Han­no­ver, für dama­li­ge Ver­hält­nis­se weit ent­fernt vom Döh­rener Turm. Und ver­mut­lich bes­ser geeig­net, um Opfer für sei­ne grau­si­gen Ver­bre­chen zu fin­den.

Sehenswürdigkeiten in Hannover: Döhrener Turm
Döh­rener Turm: frü­her fuhr hier die Pfer­de­bahn, heu­te die grü­ne Stadt­bahn

Drin­nen geht es zurück zum eigent­li­chen The­ma. Bru­no Han­ne vom Hei­mat­bund Nie­der­sach­sen erklärt, dass der Döh­rener Turm nicht Ver­tei­di­gungs­zwe­cken dien­te, son­dern vor allem der Beob­ach­tung von Freund und Feind. Es han­del­te sich also nicht um einen Wehr­turm, son­dern um einen Wart­turm, der zudem Zoll­sta­ti­on und Wirts­haus war. Stres­sig muss es gewe­sen sein, wenn etwa der Tross des Bischofs von Hil­des­heim in der Fer­ne zu sehen war. Eilig wur­de dann ein Bote nach Han­no­ver geschickt, um für den hohen Besuch auf die Schnel­le eine stan­des­ge­mä­ße Begrü­ßung zu arran­gie­ren. Was für ein Unter­schied zur heu­ti­gen Zeit, in der eine Bot­schaft per Email oder SMS inner­halb weni­ger Sekun­den von Hil­des­heim nach Han­no­ver gelangt. Oder ans ande­re Ende der Welt, sofern erfor­der­lich.

Sehenswürdigkeiten in Hannover: Auferstehungskirche
Döh­rener Auf­er­ste­hungs­kir­che von innen

Lichtspiel in der Kirche

Das Tages­licht bricht sich in bun­ten Glas­fens­tern und lenkt die Auf­merk­sam­keit sogleich auf die Wand hin­ter dem Altar. Am inten­sivs­ten sei das Licht­spiel vor­mit­tags gegen 10 Uhr, weiß Jens Eggert zu berich­ten. Bei Kon­fir­man­den fin­de es häu­fig mehr Inter­es­se als die Pre­digt von der Kan­zel, fügt das Mit­glied des Kir­chen­vor­stands schmun­zeln hin­zu. Die Auf­er­ste­hungs­kir­che, eben­falls im Stadt­teil Döh­ren, ist ein ver­gleichs­wei­se moder­ner Bau, ent­stan­den in den 1960er Jah­ren. Ande­ren Kir­chen aus die­ser Zeit dro­he inzwi­schen Abriss oder Ver­kauf, erfah­re ich. Ein Schick­sal, dass der mitt­ler­wei­le unter Denk­mal­schutz ste­hen­den Auf­er­ste­hungs­kir­che erspart bleibt. Eine Beson­der­heit ist das über dem Altar hän­gen­de Kru­zi­fix mit dem vom Kreuz gelös­ten Jesus. Von die­ser Art der Dar­stel­lung gäbe es über­haupt nur drei oder vier Figu­ren, berich­tet Jens Eggert.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Christuskirche
Back­stein­bau Chris­tus­kir­che

Hase unter Dämonen

Ste­fa­nie Son­nen­burg ist die Pas­to­rin der Gemein­de und über­nimmt die Füh­rung, zunächst außen her­um um die Chris­tus­kir­che in der han­no­ver­schen Nord­stadt. Über dem Sei­ten­ein­gang prangt ein Bild von Adam und Eva, die gera­de aus dem Para­dies gewor­fen wer­den. Die Mimik der bei­den ist ein­deu­tig: pure Ver­zweif­lung. Tja, das kommt davon, wenn man von ver­bo­te­nen Früch­ten nascht.

Wei­ter gehts mit irdi­schen Din­gen, archi­tek­to­ni­schen Details. Was macht die Hasen­fi­gur an der Kir­chen­fas­sa­de? Der Archi­tekt der Chris­tus­kir­che, Con­rad Wil­helm Hase, hat sein Wap­pen­tier zwi­schen die klei­nen, der Abschre­ckung die­nen­den Dämo­nen geschmug­gelt. Künst­le­ri­sche Frei­heit nennt man das wohl. Glei­ches wird für die Hei­li­gen Drei Köni­ge gel­ten, die auf der ande­ren Sei­te zu fin­den sind. Hei­li­ge sind nor­ma­ler­wei­se nicht in evan­ge­li­schen Kir­chen zu fin­den. Nicht ein­mal an der Fas­sa­de. Wie­der etwas hin­zu­ge­lernt.

Hasenfigur an der Christuskirche Hannover
Künst­le­ri­sche Archi­tek­ten­frei­heit: Hase an der Chris­tus­kir­che

Archi­tek­tur­pro­fes­sor Hase ist Grün­der der han­no­ver­schen Archi­tek­tur­schu­le, sein Stil von mit­tel­al­ter­li­cher Back­stein­go­tik geprägt. Für die Errich­tung von mehr als 300 Bau­wer­ken zeich­net der gebür­ti­ge Ein­be­cker selbst ver­ant­wort­lich, vor­zugs­wei­se unter Ver­wen­dung hei­mi­scher Bau­ma­te­ria­li­en wie Holz, Zie­gel und Sand­stein. Etwa 1.000 Archi­tek­ten hat er zudem aus­ge­bil­det, dar­un­ter vie­le bekann­te Namen. Nicht nur das Stadt­bild Han­no­vers, auch das ande­rer nord­deut­scher Städ­te hat Hase wesent­lich geprägt. Ob er auch dort Skulp­tu­ren vom Müm­mel­mann unter­ge­bracht hat?

Christuskirche Hannover, Bild von Adam und Eva über dem Eingang
Adam und Eva über dem Ein­gang zur Chris­tus­kir­che

Kultur in der Christuskirche

Seit 2014 beher­bergt die Chris­tus­kir­che den Mäd­chen­chor Han­no­ver und das Inter­na­tio­na­le Kin­der- und Jugend­chor­zen­trum Han­no­ver. Allein den Chor­mit­glie­dern ist seit­dem der frü­he­re Haupt­ein­gang vor­be­hal­ten. Got­tes­dienst­be­su­chern bleibt der Zutritt von der Sei­te, mit Blick auf Adam und Eva. Auch an wei­te­ren Ver­an­stal­tun­gen man­gelt es nicht, gera­de wird ein Game­lam-Work­shop vor­be­rei­tet: indo­ne­si­sche Musik mit Hil­fe von Gongs, Trom­meln und ande­ren Instru­men­ten. Kir­che als Kul­tur­zen­trum, sinn­voll in Zei­ten abneh­men­der Besu­cher­zah­len beim Got­tes­dienst. Bemer­kens­wert, was sich neben Thea­ter, Spiel, und Bas­te­lei im Pro­gramm der Gemein­de fin­det: Com­pu­ter­nut­zung für Senio­ren. Im PC-Senio­ren­kel­ler ist für fach­kun­di­ge Anlei­tung gesorgt. Enga­ge­ment für sozi­al benach­tei­lig­te und obdach­lo­se Men­schen steht außer­dem im Mit­tel­punkt.

Sehenswürdigkeiten in Hannover: Altbau des Clementinenhauses
Alt­bau des Cle­men­ti­nen­hau­ses

Historisches Lister Krankenhaus

Beim Cle­men­ti­nen­haus in der List han­delt es sich, eige­ner Aus­sa­ge nach, um Han­no­vers moderns­tes Kran­ken­haus. Des­sen Geschich­te, und das muss ja kein Wider­spruch sein, ins 19. Jahr­hun­dert zurück­geht. Damals hat Olga von Lüt­zero­de, die Grün­de­rin, eif­rig Spen­den gesam­melt, um den Bau mög­lich zu machen. Flo­rence Nigh­tin­ga­le, Wil­helm Busch und Kai­ser Wil­helm I. zähl­ten zu den pro­mi­nen­ten Geld­ge­bern.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Kapelle im Clementinenhaus Altbau
Kapel­le im Alt­bau des Cle­men­ti­nen­hau­ses

Etwas ver­steckt hin­ter dem moder­nen Haupt­haus liegt das schmu­cke Gebäu­de aus rot­gel­bem Back­stein. Alt­bau und Kapel­le sind zu besich­ti­gen, so das Pro­gramm des Denk­mal­ta­ges. Nach­dem zwei wei­te­re Besu­cher erschie­nen sind, machen wir uns gemein­sam auf ins Inne­re des Gebäu­des und fin­den dort auch die Kapel­le. Knar­ren­de Holz­die­len ver­lei­hen dem Raum, ansons­ten wenig spek­ta­ku­lär, eine geheim­nis­vol­le Atmo­sphä­re. Was für Geschich­ten gäbe es über ihn wohl zu erzäh­len? Lei­der ist nie­mand hier, der berich­ten könn­te. Vor allem bleibt die Fra­ge offen, was im Zwei­ten Welt­krieg tat­säch­lich pas­siert ist. Das Kran­ken­haus sei fast voll­stän­dig zer­stört wor­den, heißt es näm­lich, die Kapel­le hin­ge­gen blieb erhal­ten. Die aber befin­det sich in der drit­ten Eta­ge. Wie geht das? Ein Wun­der oder ledig­lich eine miss­ver­ständ­li­che Dar­stel­lung?

Das Museum im Museum

Wer wür­de den­ken, dass es sich beim Muse­um August Kest­ner um das ältes­te Muse­um der nie­der­säch­si­schen Lan­des­haupt­stadt han­delt? Zudem muss man wohl archi­tek­to­nisch inter­es­siert sein oder aber sehr genau hin­schau­en, um an der Fas­sa­de mehr zu ent­de­cken als den Charme eines Gebäu­des, das weni­ger an ein unter Denk­mal­schutz ste­hen­des Bau­werk erin­nert als an ein bekann­tes Kauf­haus unweit der han­no­ver­schen Markt­kir­che. Oder den Braun­schwei­ger Bahn­hof. Zudem steht das Kest­ner-Muse­um, so der frü­he­re Name, am Tramm­platz auch noch im Schat­ten des impo­san­ten Neu­en Rat­hau­ses.

Sehenswürdigkeiten in Hannover: Museum August Kestner
5.000 klei­ne Fens­ter zie­ren das Muse­um August Kest­ner

Archi­tek­to­nisch inter­es­siert jeden­falls, welch Unter­trei­bung, ist Caro­lin Grütz­ner. Nicht nur, dass sie die Kunst des Bau­ens stu­diert, auch zeich­net sie ver­ant­wort­lich für die knapp 30seitige Bro­schü­re mit dem Titel “Wie das Muse­um ins Muse­um kam”. Sie über­nimmt die Füh­rung durch ein Gebäu­de, das drin­nen mit einer bemer­kens­wer­ten Kom­bi­na­ti­on von alt und neu über­rascht.

Han­no­ver­scher Gesand­ter in Rom muss ein gut bezahl­ter Job gewe­sen sein. August Kest­ner näm­lich, der ihn aus­üb­te, ver­füg­te offen­bar über genü­gend Klein­geld, um sei­ner Lei­den­schaft nach­zu­ge­hen, dem Sam­meln ägyp­ti­scher und grie­chisch-römi­scher Klein­kunst. Die wie­der­um ver­mach­te er sei­nem Nef­fen Hein­rich, ver­bun­den mit der Auf­la­ge, alles in den Schutz der Obrig­keit zu geben. Nef­fe Hein­rich, wohl auch kein Klein­ver­die­ner, hat noch 100.000 Mark drauf­ge­legt und schon war die Basis für das Muse­um im Stil der Neo­re­nais­sance gelegt.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Museum August Kestner
Muse­um August Kest­ner: gelun­ge­ne Sym­bio­se von alt und neu

Hannover in Schutt und Asche

Im Zwei­ten Welt­krieg wur­de das Gebäu­de teil­wei­se zer­stört, Han­no­ver war eine der am schlimms­ten von Bom­ben­an­grif­fen heim­ge­such­ten deut­schen Städ­te. Allein am „Schwar­zen Tag“ in der Nacht zum 9. Okto­ber 1943 kamen 1.245 Men­schen ums Leben und 250.000 Ein­woh­ner wur­den obdach­los. Auch heu­te, sie­ben Jahr­zehn­te nach Kriegs­en­de, wer­den gele­gent­lich noch Blind­gän­ger gefun­den Deren Ent­schär­fung bis­wei­len die Eva­ku­ie­rung gan­zer Stadt­tei­le erfor­der­lich macht. Die Res­te des ursprüng­li­chen Muse­ums jeden­falls, die wur­den nach dem Krieg von einem Neu­bau umge­ben, wahr­lich eine ele­gan­te Lösung. Ent­stan­den ist ein Gebäu­de mit 5.000 klei­nen Fens­tern, das auf den ers­ten Blick so unspek­ta­ku­lär wirkt. Es lohnt jedoch der Blick hin­ein, um zu erken­nen, das sich hier doch mehr ver­birgt als hin­ter der Fas­sa­de eines Kauf­hau­ses oder Bahn­hofs.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Beginenturm
Sehens­wür­dig­kei­ten in Han­no­ver: Begi­nen­turm, im Hin­ter­grund die Markt­kir­che

Rostiger Nagel im Beginenturm

Als mäch­ti­ger Wehr­turm war der Begi­nen­turm zunächst Teil der han­no­ver­schen Stadt­mau­er. Spä­ter fun­gier­te er als Gefäng­nis, Zeug­haus und Was­ser­turm. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de er als Künst­ler­ate­lier genutzt und anschlie­ßend ent­stand hier, immer­hin für die Dau­er von 35 Jah­ren, eine Knei­pe. Der nahe­lie­gen­de Name: Turm. Was für eine wech­sel­vol­le Geschich­te seit dem 14. Jahr­hun­dert, von dort datie­ren ers­te Auf­zeich­nun­gen. Inzwi­schen wur­de der Begi­nen­turm saniert und ist jetzt Teil des His­to­ri­schen Muse­ums. Ich kom­me gera­de noch recht­zei­tig, um den Schluss der letz­ten Füh­rung mit­zu­er­le­ben und den Namen der Geträn­ke­spe­zia­li­tät, die im “Turm” frü­her gereich­te wur­de, zu erfah­ren: “Ros­ti­ger Nagel”, nicht unpas­send für die alte Aus­schank­stät­te.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Beginenturm
So sah der Begi­nen­turm nach dem Krieg aus

Der “Vampir von Hannover”

Hier übri­gens, in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zum Begi­nen­turm, befand sich nun tat­säch­lich das Revier des Seri­en­mör­ders Haar­mann, hun­dert Jah­re nach sei­ner Hin­rich­tung umstrit­te­ne Kult­fi­gur han­no­ver­scher Zeit­ge­schich­te. Fritz leb­te in der Alt­stadt und beweg­te sich haupt­säch­lich im Bahn­hofs­mi­lieu. Sei­ne Opfer fand er im Haupt­bahn­hof oder unweit davon am Café Kröp­cke. Diver­se Mor­de an jun­gen Män­nern konn­ten dem “Vam­pir von Han­no­ver” nach­ge­wie­sen wer­den, Kno­chen sei­ner Opfer hat­te er in der Lei­ne, die unter­halb des Begi­nen­turms fließt, ent­sorgt. Dass er auch das Fleisch sei­ner Opfer ver­kauf­te, konn­te jedoch nie belegt wer­den. Aber wer sich genau­er mit der Geschich­te des Man­nes, der in sei­ner Woh­nung Fleisch­kon­ser­ven und Sül­ze her­stell­te, beschäf­tigt, wird dar­an kaum zwei­feln. Sei­nen Opfern hat­te Haar­mann übri­gens die Keh­le durch­ge­bis­sen.

Sehenswürdigkeiten in Hannover: Bethlehemkirche in Linden
Die Lin­de­ner Beth­le­hem­kir­che von außen

Schöne Kirche in Linden

Das ein­drucks­vol­le Gebäu­de der Beth­le­hem­kir­che, ein­ge­rahmt von gro­ßen Bäu­men, wirkt ein wenig wie ein Mär­chen­schloss, ist zwi­schen den Stra­ßen­zü­gen in Lin­den-Nord nur schwer zu ent­de­cken. Auf­fäl­lig sind die drei spit­zen Tür­me und aller­lei inter­es­san­te Details bereits am Äuße­ren des mäch­ti­gen Gebäu­des.

Sehenswürdigkeiten in Hannover, Fensterrose über dem Altar der Bethlehemkirche
Fens­ter­ro­se über dem Altar der Beth­le­hem­kir­che

Lin­den, bis 1920 noch selbst­stän­di­ge Stadt unmit­tel­bar vor den Toren Han­no­vers, hat­te sich um die Jahr­hun­dert­wen­de zu einem pro­spe­rie­ren­den Indus­trie­ort ent­wi­ckelt. Die Vor­ga­be an den Archi­tek­ten lau­te­te daher, ein Bau­werk zu schaf­fen, das sich vom Stadt­bild mit sei­nen Fabrik­schorn­stei­nen deut­lich abhebt. Kei­ne Fra­ge, die Umset­zung ist dem Kon­sis­to­ri­al­bau­meis­ter Karl Bohr­mann ein­drucks­voll gelun­gen. Zwei­fel­los han­delt es sich bei der Beth­le­hem­kir­che um eines der inter­es­san­tes­ten Bau­wer­ke Lin­dens und zudem eine der schöns­ten Kir­chen in Han­no­ver.

Lindens wahres Wahrzeichen

Der letz­te Zeu­ge, so lau­te­te der Titel einer Aus­stel­lung. Es ging dabei um die Zeit, als das inzwi­schen hip­pe Sze­ne­vier­tel Lin­den noch Indus­trie­stand­ort und Arbei­ter­vier­tel war. Als dort malocht und nicht gel­im­mert wur­de. Lim­mern, so nen­nen sie das Fei­ern auf der Lim­mer­stra­ße, daher die Bezeich­nung. Sit­zend, ste­hend oder gehend, das ist egal, nicht feh­len darf jeden­falls das Weg­bier. Zuneh­men­de Laut­stär­ke und Ver­schmut­zung, ins­be­son­de­re durch “Gäs­te” des Kiez, die nächt­li­chen Par­ty­gän­ger, machen das Lim­mern für vie­le Anwoh­ner jedoch inzwi­schen zum Ärger­nis.

Sehenswürdigkeiten in Hannover: Illuminiertes Kesselhaus Linden
Schorn­stein des illu­mi­nier­ten Kes­sel­hau­ses von Wer­ner & Ehlers

Letz­ter Zeu­ge aus der Zeit qual­men­der Schlo­te ist das Kes­sel­haus der ehe­ma­li­gen Bett­fe­dern­fa­brik Wer­ner & Ehlers. Lan­ge Zeit war das asbest­ver­seuch­te Gebäu­de nicht betret­bar. Die Kes­sel­haus-Initia­ti­ve jedoch hat, gemein­sam mit Poli­tik und auch dank regio­na­ler Spen­der und Spon­so­ren, fleis­sig saniert. Pünkt­lich zum Tag des offe­nen Denk­mals ist es nun für Besu­cher geöff­net und der Andrang groß.

Kesselhaus der Bettfedernfabrik Werner & Ehlers
Details im Inne­ren des Indus­trie­denk­mals Kes­sel­haus

Zwan­zig vor sechs ist es, als ich das Indus­trie­denk­mal hin­ter mir las­se. Um 18 Uhr schlie­ßen die letz­ten Sehens­wür­dig­kei­ten, der Kal­kring­brenn­ofen, ein wei­te­res Indus­trie­denk­mal in Ahlem, sowie die alte Pre­digt­hal­le des jüdi­schen Fried­hofs in der Nord­stadt. Das ist zu knapp, ich belas­se es dabei und blei­be in Lin­den, mei­nem Revier. Um spä­ter noch ein­mal zum Kes­sel­haus zurück­zu­keh­ren. Das bei Ein­bruch der Dun­kel­heit, inzwi­schen illu­mi­niert, noch an Wir­kung gewinnt. Es ist das wah­re Wahr­zei­chen von Lin­den.

Hannover, Kesselhaus der Bettfedernfabrik Werner & Ehlers in Linden
Illu­mi­nier­tes Kes­sel­haus der ehe­ma­li­gen Bett­fe­dern­fa­brik Wer­ner & Ehlers

Denkmaltag – ein Fazit

Tag des offe­nen Denk­mals, Hand aufs Herz, klingt das nicht eher drö­ge und lang­wei­lig? Ist es aber nicht. Im Gegen­teil, es han­delt sich um eine groß­ar­ti­ge Gele­gen­heit, ein­mal hin­ter die Kulis­sen von Bau­wer­ken zu schau­en, die sonst nicht zwin­gend auf dem Zet­tel ste­hen. Zu den belieb­tes­ten Sehens­wür­dig­kei­ten Han­no­vers zäh­len eigent­lich Alt­stadt und Markt­kir­che, Masch­see und Neu­es Rat­haus sowie Her­ren­häu­ser Gär­ten oder der Zoo. Der Denk­mal­tag hin­ge­gen bie­tet die Mög­lich­keit, ande­re Sei­ten der Stadt zu ent­de­cken. Im nächs­ten Jahr, am 10. Sep­tem­ber 2017, geht es wei­ter, nicht nur in Han­no­ver. Es gibt schließ­lich noch viel mehr zu sehen. Auch ich wer­de wie­der dabei sein. Dann jeden­falls, wenn ich nicht anders­wo in der Welt­ge­schich­te unter­wegs bin.

Wer sich für die Ver­an­stal­tung inter­es­siert: es gibt eine kos­ten­lo­se Denk­mal­tag-App. Die hilft beim Zugriff aufs Pro­gramm und unter­stützt die Ori­en­tie­rung vor Ort. Für die, die in die­sem Jahr nicht dabei waren, die Sehens­wür­dig­kei­ten in Han­no­ver aber unab­hän­gig vom Tag des offe­nen Denk­mals besu­chen möch­ten, fol­gen wei­te­re Details zur Info.

11 Sehenswürdigkeiten in Hannover

  • Water­loo­säu­le (zur­zeit kei­ne regu­lä­ren Besich­ti­gun­gen), Laves­al­lee, 30169 Han­no­ver
  • Döh­rener Turm (Infos zu Füh­run­gen), Hil­des­hei­mer Stra­ße
  • Auf­er­ste­hungs­kir­che (Web­site), Helm­sted­ter Stra­ße 59, 30519 Han­no­ver
  • Chris­tus­kir­che (Ver­an­stal­tun­gen auf Web­site der Nord­städ­ter Kir­chen­ge­mein­de), Con­rad-Wil­helm-Hase-Platz 1, 30167 Han­no­ver
  • Cle­men­ti­nen­haus (für Besu­cher nor­ma­ler­wei­se nicht geöff­net, Geschich­te von 1875 bis heu­te), Lüt­zero­de­stra­ße 1, 30161 Han­no­ver
  • Muse­um August Kest­ner (Öff­nungs­zei­ten sowie Ver­an­stal­tun­gen und Aus­stel­lun­gen), Tramm­platz 3, 30159 Han­no­ver
  • Begi­nen­turm, Teil des His­to­ri­schen Muse­ums (Öff­nungs­zei­ten), Pfer­de­stra­ße 6, 30159 Han­no­ver
  • Beth­le­hem­kir­che (aktu­el­les), Beth­leh­em­platz 1, 30451 Han­no­ver
  • Kes­sel­haus der ehe­ma­li­gen Bett­fe­dern­fa­brik Wer­ner & Ehlers (alle Infos), Zur Bett­fe­dern­fa­brik 330451 Han­no­ver
  • Kal­kring­brenn­ofen im Wil­ly-Spahn-Park (Infos zu Ver­an­stal­tun­gen des Wil­ly-Spahn-Park e.V.), Möncke­berg­al­leeHöhe Nr. 18, 30453 Han­no­ver (Ahlem)
  • Alte Pre­digt­hal­le auf dem jüdi­schem Fried­hof (nor­ma­ler­wei­se nicht geöff­net), An der Stran­grie­de 5530167 Han­no­ver

Autor, Reisereporter und Reiseblogger. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, seine vorherige berufliche Karriere zu beenden (um das böse Wort Mobbing zu vermeiden), treibt ihn die Neugier hinaus in die Welt und er erzählt Geschichten von unterwegs.

6 Kommentare zu “Denkmaltag in Hannover: als Tourist in der eigenen Stadt

  1. Sehr schö­ner Bericht. Macht Lust auf Han­no­ver. Dan­ke.

    Es grüßt
    DieR­ei­se­Eu­le

  2. Hal­lo Wolf­gang, tol­ler Bericht! Ich war schon mal in Han­no­ver, ich hab gute Freun­de dort, aber ein Wochen­en­de war offen­sicht­lich zu kurz und ich muss wie­der nach Han­no­ver rei­sen! Wer weiß viel­leicht in 2017 wie­der! 🙂 GLG, Fari

    • Wolfgang Käseler

      Hal­lo Fari,
      dan­ke für das net­te Feed­back. Und ja, ein Wochen­en­de ist defi­ni­tiv zu kurz. Ich habe ja mein gan­zes Leben in Han­no­ver ver­bracht (wenn­gleich mit abneh­men­der Ten­denz … 😉 ) und ken­ne trotz­dem vie­les noch nicht! 😀
      Lie­be Grü­ße
      Wolf­gang

  3. Jürgen

    Vie­len Dank für die­sen infor­ma­ti­ven Arti­kel.

    • Wolfgang

      Gern, Jür­gen. 😉 Ich freue mich, wenn es gelingt, durch die­sen Bericht “mein” Han­no­ver ein wenig näher zu brin­gen …

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