Beirut Souk el-Ahad
Libanon

Beirut: Die Marktschreier vom Souk el-Ahad

Aktua­li­siert am

In Sin el-Fil, einem nörd­li­chen Vor­ort von Bei­rut, fin­det der Sunday Fle­ar Mar­ket statt. In unmit­tel­ba­rer Nähe des Bei­rut River und direkt unter dem High­way. Sei­ne Ursprün­ge hat er in den frü­hen 1990er Jah­ren, nach Ende des Bür­ger­kriegs. Inzwi­schen zieht er unge­fähr 35.000 Besu­cher pro Tag an, sie kom­men vor allem aus den unte­ren sozia­len Schich­ten. Um die Zustän­dig­keit für den Markt strei­ten die loka­len Behör­den von Sin el-Fil und das Minis­te­ri­um für Ener­gie und Was­ser.

Der Souk (ara­bisch für Markt­platz) fin­det sowohl sams­tags als auch sonn­tags statt, an jedem Wochen­en­de. Ich lie­be Märk­te. Far­ben, Geräu­sche und Gerü­che, das Vie­ler­lei authen­ti­scher Ein­drü­cke. Wo immer ich hin­kom­me, der Besuch der loka­len Märk­te gehört für mich qua­si zum Pflicht­pro­gramm. So auch in Bei­rut, nach­dem ich vom Souk el-Ahad erfah­ren hat­te.

Souk el-Ahad

Der Markt ist zu Fuß in 15–20 Minu­ten von Dek­wa­neh zu errei­chen. Dort befin­det sich mein Domi­zil. Es geht die Haupt­stra­ße ent­lang, immer gera­de­aus. Dicht am Rand der Stras­se ent­lang, auf Fuß­we­ge hat man auf vie­len Haupt­stras­sen von Bei­rut weit­ge­hend ver­zich­tet. Und an das Hupen der vor­bei­fah­ren­den Autos gewöhnt man sich. Meist sind es Taxi­fah­rer, die auf sich auf­merk­sam machen.

Beirut River: Meist trocken, manchmal mysteriös

Die Brü­cke über den Bei­rut River kommt in Sicht­wei­te. Wobei River schon irgend­wie eine Über­trei­bung ist. Bei­rut, die Mil­lio­nen­stadt, und ihr “River” – was stellt man sich vor? Einen Fluss, der die Stadt in zwei Hälf­ten teilt? So wie es der Main in Frank­furt tut oder die Donau in Wien oder Buda­pest? Oder gar der Chao Phra­ya in Bang­kok? Die Wahr­heit sieht anders aus. Eini­ge Pfüt­zen auf beto­nier­tem Grund, und auf dem ist ansons­ten haupt­säch­lich Müll zu fin­den. Das ist der Bei­rut River. Aber er sieht nicht immer so aus. Manch­mal führt der Fluss tat­säch­lich mehr Flüs­sig­keit. So wie im Jahr 2012. Da war es eine mys­te­riö­se rote Brü­he, von der in der Pres­se über den Bei­rut River berich­tet wur­de.

Souk el-Ahad

Auf der ande­ren Sei­te sind die ers­ten Aus­läu­fer des Mark­tes zu sehen. Dar­über ver­läuft der High­way Rich­tung City, den Hin­ter­grund bil­det die Sil­hou­et­te halb­fer­ti­ger Hoch­häu­ser. Es ist nicht unbe­dingt das roman­tisch beschau­li­che Ambi­en­te eines sonn­täg­li­chen Floh­markts, der zum gemüt­li­chen Bum­meln und Ver­wei­len ein­lädt.

Willkommen in der Schuhabteilung

Nach weni­gen Schrit­ten über die Brü­cke bin ich mit­ten­drin. Der ers­te Ein­druck: Ein rie­si­ger Schuh­markt. Bald fol­gen wei­te­re Klei­dungs­stü­cke, die auf Käu­fer war­ten. Hosen, Hem­den, Unter­wä­sche, alles ist erhält­lich. Wie in einem Kauf­haus. Ein Kauf­haus ohne Roll­trep­pe. Eins, das ledig­lich aus dem Erd­ge­schoss besteht.

Souk el-Ahad

Eini­ge Män­ner prei­sen ihre Wah­re laut­hals an, teil­wei­se unter­stützt durch Laut­spre­cher oder Mega­phon. Ich ver­ste­he natür­lich kein Wort. Oder doch? Ist die Spra­che der Markt­schrei­er nicht inter­na­tio­nal? Was sol­len sie schon rufen? Heu­te alles bil­li­ger, das könn­te eine der umsatz­stei­gern­den Paro­len sein.

Souk el-Ahad

Die Tem­pe­ra­tur scheint minüt­lich zu stei­gen. Nur ein Gefühl, bedingt durch die Laut­stär­ke und die Enge in den Gas­sen zwi­schen den Markt­stän­den? Mein Shirt klebt jeden­falls bald am Kör­per. Und das Waren­sor­ti­ment ist auch nicht son­der­lich span­nend bis­her.

Vielfältiges Warensortiment

Kla­mot­ten und Schu­he wer­den irgend­wann durch Lebens­mit­tel abge­löst, auch der eine oder ande­re Snack lockt zum Ver­zehr. Mich kann man damit gera­de nicht locken.

Souk el-Ahad

Irgend­wann wird es etwas ruhi­ger. Eini­ge Ver­kaufs­stän­de bie­ten Deodo­rants, Duf­tes­sen­zen und ähn­li­che Arti­kel. Will­kom­men in der Dro­ge­rie­wa­ren­ab­tei­lung. Ich muss an die Wor­te von Adessa, mei­ner Gast­ge­be­rin, den­ken. Auch wenn jemand im Liba­non viel­leicht nur 10 Dol­lar in der Tasche hat, wür­de er die als ers­tes in Kör­per­pfle­ge inves­tie­ren. Und mög­li­cher­wei­se zum Fri­seur gehen. Und in der Tat, Schwit­zen ist an der Tages­ord­nung, das ist nor­mal im heis­sen und hek­ti­schen Bei­rut. Aber trotz­dem riecht nie­mand unan­ge­nehm. Nicht im Klein­bus. Nicht im Sam­mel­ta­xi. Und auch nicht hier auf dem Markt. Der eine oder ande­re Zeit­ge­nos­se in der fer­nen Hei­mat könn­te sich dar­an ein Bei­spiel neh­men.

Souk el-Ahad

Es geht wei­ter, hin­ein in den Old Souk. Hier ist es über­wie­gend über­dacht, Plas­tik­pla­nen sind gespannt. Das Sor­ti­ment ändert sich. Zunächst geht es noch vor­bei an CDs, Werk­zeug und ande­ren Uten­si­li­en des täg­li­chen Bedarfs. Dann rücken Anti­qui­tä­ten und wei­te­res altes Zeug in den Blick. Auch ein Stand mit Büchern ist vor­han­den. Das ist eher das, wor­an ich bei einem Floh­markt den­ke. Aber das schei­nen nicht unbe­dingt die Sachen zu sein, die am bes­ten lau­fen. Das Inter­es­se hier ist eher ver­hal­ten.

Ein Stück Hannover auf dem Souk el-Ahad

Souk el-Ahad

Ich set­ze mei­nen Rund­gang fort und bin bald dar­auf wie­der bei den belieb­te­ren Arti­keln. Socken, und erneut Schu­he. Das sind ein­deu­tig die Ren­ner. Inmit­ten der Klei­dungs­stü­cke sto­ße ich uner­war­tet auf etwas sehr bekann­tes. Der han­no­ver­sche Masch­see schmückt ein Shirt. Okay, der abge­bil­de­te See könn­te über­all sein. Und das Gebäu­de, tat­säch­lich das Neue Rat­haus von Han­no­ver, wür­de auf den ers­ten Blick auch als ori­en­ta­li­sche Moschee durch­ge­hen. Aber der Schrift­zug Masch­see Para­di­se ist ein­deu­tig. Und das gilt bei genaue­rem Hin­se­hen auch für den Fern­seh­turm. Ein Stück Han­no­ver auf dem Souk el-Ahad. Wel­che Geschich­te könn­te das Shirt wohl erzäh­len? Ohne Fra­ge han­delt es sich um Second Hand Ware. Aber wie ist sie hier­her nach Bei­rut gelangt?

Souk el-Ahad

All­mäh­lich zieht es mich Rich­tung Aus­gang. Ich habe alles gese­hen, für heu­te reicht es. Die Laut­stär­ke, die Hit­ze, alles nervt inzwi­schen ein wenig. Plötz­lich zerrt auch noch ein Kind an mir. Aggres­si­ves Bet­teln. Das geht gar nicht, ist aber zum Glück die Aus­nah­me. Eigent­lich woll­te ich ja noch etwas essen, das las­se ich aber end­gül­tig sein.

Wer schläft, der verkauft nicht

Souk el-Ahad

Fri­scher Fisch ist auch noch im Ange­bot. Das ist schon fast der letz­te Ein­druck. Und das passt nun irgend­wie gar nicht hier­her. Scheint sich auch der Ver­käu­fer zu den­ken. Der pennt lie­ber, als sei­ne Ware anzu­prei­sen. Da sind die stimm­ge­wal­ti­gen Her­ren aus der Beklei­dungs­bran­che doch aus ande­rem Holz geschnitzt. Das sind rich­ti­ge Ker­le. Nicht so eine Schlaf­müt­ze wie der Fisch­frit­ze.

Souk el-Ahad

Der Markt liegt hin­ter mir, die lau­ten Rufe der Markt­schrei­er ver­klin­gen all­mäh­lich und ich atme durch. Zwei trau­ri­ge Augen schau­en mir noch lan­ge nach. Der klei­ne Vier­bei­ner wäre gern mit­ge­kom­men. Und das bestimmt nicht nur wegen der Hit­ze und der Laut­stär­ke.

Der Souk el-Ahad ist ein rie­si­ger Gemischt­wa­ren­la­den. Und er ist Bei­ruts Gegen­stück zu den kli­ma­ti­sier­ten Shop­ping Malls und Edel­bou­ti­quen in Down­town oder Ham­ra. Der Souk el-Ahad ist das Kauf­haus für die unte­ren Schich­ten der liba­ne­si­schen Haupt­stadt.

Autor, Reisereporter und Reiseblogger. Nachdem man ihn dazu gebracht hat, seine vorherige berufliche Karriere zu beenden (um das böse Wort Mobbing zu vermeiden), treibt ihn die Neugier hinaus in die Welt und er erzählt Geschichten von unterwegs.

2 Kommentare zu “Beirut: Die Marktschreier vom Souk el-Ahad

  1. Moin Wolf­gang,
    sehr schö­ner Arti­kel. dann weiß ich ja jetzt, wo ich in Bei­rut nicht hin­ge­hen muss. Noch bes­ser gefal­len uns Dei­ne Fotos. Ganz gro­ßer Sport. Respekt. Wir freu­en uns schon rie­sig auf Dei­ne Aus­stel­lung.
    Wei­ter­hin viel Spaß und Glück beim Ent­de­cken der ver­bor­ge­nen Schät­ze.
    Der Dude & das Cas­til­lo Team

    • Dan­ke, Dude! 😉 Ach naja, das kann man schon mal machen. Ich war sogar zwei­mal dort. Ist aber kein tages­fül­len­des Pro­gramm. Man wird da schnell ramm­dö­sig! 😀

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