Der Bahia Palast in Marrakesch | Ein Highlight orientalischer Baukunst

Hinter mächtigen Mauern verbirgt sich ein Meisterwerk marokkanischer Architektur. Der Bahia Palast in der Medina von Marrakesch gehört zum Weltkulturerbe und auch als Filmkulisse hat der prächtige Bau schon gedient. Ein frühmorgendlicher Blick hinter die hohen Wände fördert spannende Details zutage, Ergebnis: ein bunter Bilderbogen. 

Undurchdringlich wirken die ockerfarbenen Außenwände. Nichts geben sie preis von den Geheimnissen, die sich im Herzen des Palastgebäudes verbergen. Nachdem ich das Gelände auf meinen Exkursionen durch Marrakesch bereits mehrfach gestreift hatte, habe ich mich schließlich für einen Besuch am frühen Morgen entschieden. Und nun, nach Betreten des Palais de la Bahia, ist das Zwitschern der Vögel noch das einzige Geräusch.

Farbenfrohe Lichtspiele im morgendlichen Bahia Palast

Morgens im Bahia Palast

Pünktlich hatte sich die Pforte geöffnet und flugs war ich an den anderen Leuten vorbeigeeilt. Denn eines war klar, auch am frühen Morgen würde ich kaum der einzige Besucher dieser beliebten Touristenattraktion sein. Und tatsächlich wartete vor dem Tor auch bereits eine Gruppe auf die Öffnung. Einstweilen jedoch sind die Asiaten, um die es sich handelt, im Eingangsbereich noch mit anderen Dingen beschäftigt. Mit Selfies etwa, oder mit dem Ablichten der Katzen, die den Ankömmlingen dort dösig entgegenblinzeln. Marokkanische Miezen fotografiere ich schon zur Genüge und Selfies mag ich eh nicht. Der Weg ist daher frei, eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten von Marrakesch sollte mir gehören. Ich bin der einzige Besucher der weitläufigen Palastanlage. Vorerst jedenfalls.

Blick in einen der noch menschenleeren Gärten des Bahia Palasts

Kunstvoll gestaltete Decke in einem Zimmer des Palastes

Kunstvolle Details im Palastinneren

Im großen zentralen Innenhof sind einige Frauen noch mit Fegen beschäftigt. Womöglich die letzten Handgriffe, bevor die erwarteten Gäste erscheinen? Ich nehme derweil die Räumlichkeiten des Palastes in Augenschein, nicht alle der mehr als 150 Zimmer sind im Übrigen für die Öffentlichkeit zugänglich. Marmor und Stuck sowie Schnitzereien und Malereien auf Holz sorgen für zahllose interessante Details, die ich nun in Ruhe würdigen kann. Die Strahlen der morgendlichen Sonne führen außerdem zu manch wunderlichem Lichteffekt. Und auch der Blick an die Decke lässt mich immer wieder neue kunstvoll gestaltete Feinheiten entdecken und mit der Kamera einfangen.

Im Innenhof wurden Szenen zu „Lawrence von Arabien“ gedreht

Schnitzereien und Malereien an der Decke

Kein Zutritt – Geheimnisse hinter verschlossenen Türen

Verantwortlich für den Bau des Bahia Palasts im 19. Jahrhundert war Großwesir Si Moussa. Bei diesem Mann, und das ist das eigentlich bemerkenswerte, handelt es sich um einen dunkelhäutigen ehemaligen Sklaven. Eine wahrhaft erstaunliche Karriere also, war doch der Großwesir quasi der zweite Mann im Staat, verantwortlich für die Regierungsgeschäfte im Auftrag des herrschenden Sultans. Während manche Quellen übrigens die Zeit zwischen 1866 und 1867 als Entstehungsdatum nennen, sprechen andere wiederum von einem unbekannten Baudatum. Später wurde der Bahia Palast vom Sohn des Großwesirs  dann noch einmal um weitere Räumlichkeiten deutlich erweitert.

Die Morgensonne scheint in einen der Räume

Noch eine der kunstvoll gestalteten Decken

Die besten Kunsthandwerker des Landes waren mit dem Bau des Palastes betraut

Bunte Details sind an vielen Stellen zu finden

Platzbedarf für Harem

Etwa 8 Hektar umfasst das Gelände des Bahia Palasts, 80.000 Quadratmeter also, wovon ein Viertel auf die mehr als 150 Räume entfällt und der Rest auf die Gartenanlagen. Zwar war der Großwesir ein wichtiger Mann, keine Frage, aber wozu benötigte er so viel Platz? Nun, zum einen ging es sicher darum, die Besucher, vor allem ausländische Gesandte, zu beeindrucken. Und zum anderen sollte man auch die Größe der unterzubringenden „Familie“ nicht unterschätzen. Bou Ahmed etwa, der Sohn des ursprünglichen Bauherren und auch dessen späterer Nachfolger als Großwesir, hatte vier Ehefrauen, genau so viele also, wie der Koran zulässt. Noch großzügiger ist das heilige Buch des Islam, wenn es um außereheliche Beziehungen geht, jedenfalls dann, wenn sie mit Sklavinnen geführt werden. Der Palastherr hat davon reichlich Gebrauch gemacht, allerdings sind sich die Geschichtsschreiber nicht einig, wie viele Haremsdamen es tatsächlich waren. Die Angaben schwanken zwischen 24 und 80. Ob der anscheinend unersättliche Bou Ahmed wohl selbst den Überblick über seine vielen Konkubinen behalten konnte?

Brunnen in einem Patio des Bahia Palasts

Überall finden sich aufwendig gestaltete Details

Spiel mit dem Licht als Teil islamischer Baukunst

Kombination von Mosaik und Lichteffekten

Verbindung des Elements Wasser mit der Architektur

Vorbei mit der Ruhe

Mein Rundgang endet schließlich so, wie es irgendwann kommen musste. In den zuvor so ruhigen Räumen ertönt ein vielsprachiges Stimmengewirr und weitere Besucher strömen in die Gemächer des Palastes, was ja auch nur eine Frage der Zeit gewesen war. Aufgeregt werden Kameras und Smartphones in Stellung gebracht und einheimische Führer versuchen sich mit ihren Vorträgen gegen die Geräuschkulisse durchzusetzen. Zweifellos war es die richtige Entscheidung, diesem Trubel aus dem Weg zu gehen, konnte ich mich so doch bis jetzt ungestört mit dem architektonischen Gesamtkunstwerk befassen. Mit etwas Phantasie erscheinen die Touristen, die nun den Bahia Palast erobern, wie Komparsen. Und erinnern daran, dass auf dem Palastgelände auch schon Szenen erfolgreicher Filme abgedreht wurden. „Der Wüstenlöwe“ und vor allem „Lawrence von Arabien“ sind die Titel der wohl berühmtesten Streifen.

Vorbei mit der Ruhe – es wird voll im Bahia Palast

Der zuvor leere Innenhof füllt sich mit Besuchern

Ich bin nicht länger der einzige Fotograf im Bahia Palast

Posieren an historischer Stätte

Einen Sultan oder Großwesir gibt es inzwischen nicht mehr, der Bahia Palast gehört Marokkos König. Dieser, Mohammed VI., hat übrigens nur eine Ehefrau und wie er es mit Konkubinen hält, dürfte allein sein Geheimnis sein. Als sein Vater 1999 starb, hat er jedenfalls flugs dessen Harem aufgelöst und, siehe da, sogar 20 Damen aus dem „Nachlass“ des bereits knapp 40 Jahre zuvor verstorbenen Großvaters waren noch im Königspalast aufzufinden. Wie haben sich seitdem doch die Zeiten geändert!

Fleißige Frauen sorgen für Sauberkeit im Palast

Für mich ist der Streifzug durch das Meisterwerk marokkanischer Architektur nun zu Ende und ich lasse das Spektakel hinter mir. Sogar die Katzen, zu morgendlicher Stunde noch dankbares Fotoobjekt für den einen oder anderen, haben sich vom Eingangsbereich verzogen. Auch denen ist der Trubel womöglich nicht mehr ganz geheuer. Nur die fleißigen Putzfrauen sind weiterhin am Wienern, unbeeindruckt, genau wie zwei Stunden zuvor, als ich noch der einzige Besucher im Bahia Palast war.


Bahia Palast in Marrakesch | Infos & Wissenswertes

Zutritt: Der Eingang zum Bahia Palast befindet sich an der Ecke Rue Bahia Bab Mellah / Rue Riad Zitoun el Jedid im südlichen Teil der Medina, der Altstadt von Marrakesch.
Öffnungszeiten: täglich 9 – 17 Uhr
Eintritt: 10 Dirham
(Stand: April 2018)

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