Kuba | Der Tag, als Fidel Castro starb

Fidel Castro wurde in der Provinz Holguín geboren. Und hier, im Oriente, dem Osten Kubas, entzündete sich auch der Funke der kubanischen Revolution. Der Zufall will es, dass ich am Todestag Fidels in Holguín, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, bin. Beobachtungen und Hintergründe zum Tod des kubanischen Revolutionsführers, dazu ein Gespräch über den Mythos Fidel Castro mit einer ausgewiesenen Kubakennerin.

Es dauert etwas, bis der Groschen fällt. Ich habe ein Bucanero zum Essen bestellt, eine der Biersorten, die hier aus der Gegend stammen. Aus Holguín, so wie Fidel Castro. Dass es heute keinen Alkohol gibt, verstehe ich, nicht jedoch den Hintergrund. Es ist jemand gestorben, erklärt mir die Kellnerin im Restaurante Avilés, aber mir ist nicht sofort klar, um wen es sich handelt. Lariza spricht von „unserem Comandante“ und noch immer raffe ich es nicht, bitte sie schließlich, den Namen zu nennen. Sie sagt: Fidel Castro.

Foto von Fidel Castro in Holguín am Tag nach seinem Tod

Der Comandante en Jefe ist tot

Im Zusammenhang mit Fidel Castro war mir die Bezeichnung bisher nicht geläufig. Denn als Comandante wird der allgegenwärtige Che Guevara ja oft bezeichnet. Der jedoch ist lange tot, hingerichtet 1967 in Bolivien. Auch Camilo Cienfuegos, noch einer aus der Riege der Bartudos, der bärtigen Rebellen, nennen sie Comandante. Der ist ebenfalls längst Geschichte, hartnäckig halten sich gar Gerüchte, Fidel Castro habe seine Hände im Spiel gehabt, als Camilo 1959 bei einem Flugzeugabsturz vor der Küste nahe Camagüey ums Leben kam. Ich lerne, dass Comandante en Jefe der Titel Fidel Castros als Kommandeur der kubanischen Rebellenarmee war. Und werde es jetzt ganz sicher nicht mehr vergessen.

Erinnerung an Che Guevara und andere Revolutionäre in Holguín

Am 26. Juli 1953 hatte Fidel Castro in Santiago de Cuba versucht, den Cuartel Moncada zu stürmen, eine der größten Kasernen des Landes. Ein erster Versuch der Auflehnung gegen das Regime des Diktators Fulgencio Batista, der jedoch kläglich scheiterte. Dennoch ist diese Aktion als Beginn der kubanischen Revolution anzusehen, es entstand die Bewegung des 26. Juli oder kurz M-26-7, benannt nach dem Datum dieses Ereignisses. Im Gegensatz zu etlichen Mitstreitern konnte Fidel damals der Hinrichtung entgehen, die Geschichte hätte ansonsten wohl eine komplett andere Wendung erfahren.

Seltenes Bild in Holguín: Fahne der Bewegung des 26. Juli nach Fidels Tod

Der 26. Juli ist inzwischen kubanischer Nationalfeiertag, 2017 wird ihn Fidel erstmals nicht erleben. Fidel Castro ist am Abend des 25. November 2016 im Alter von 90 Jahren gestorben. Auf den Tag genau 60 Jahre, nachdem er an Bord der Yacht Granma aus Mexiko aufbrach, um Kuba, letztendlich dann auch erfolgreich, vom Diktator Batista zu befreien. Wahrlich eine perfekte Dramaturgie.

Ein Bild in Guantánamo: die Yacht Granma, mit der Fidel Castro aus Mexiko kam

Reaktionen auf Castros Tod

Am Samstag, einen Tag nach dem Tod Fidels, deutet wenig auf das traurige Ereignis hin. Spontane Trauerkundgebungen oder Versammlungen? Fehlanzeige. Die Leute in Holguín sind fröhlich und machen das, was sie am Wochenende immer tun. Sie sitzen im Park und plaudern oder spielen Schach. Und sie essen Eis, das lieben die Kubaner. Gleichgültigkeit als Reaktion auf den Tod des Mannes, der Kuba fast ein halbes Jahrhundert lang seinen Stempel aufgedrückt hat?

Schach spielende Kubaner am Tag nach dem Tod Fidel Castros

Alkohol darf öffentlich nicht ausgeschenkt werden, so manche Flasche Rum kreist trotzdem, mehr oder weniger heimlich. Und was hinter verschlossenen Türen geschieht, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Am Sonntagabend hängen sie Bilder Fidel Castros in öffentlichen Gebäuden und staatlichen Läden auf. Zudem marschiert eine Putzkolonne in Holguín auf, die Straße rund um den zentralen Parque Calixto García wird gereinigt. Und dem Gebäude der Casa de Cultura dort wird auf die Schnelle gar ein neuer Anstrich verpasst. Vorbereitungen für eine der Trauerveranstaltungen, die ab Montag überall in Kuba stattfinden werden.

Auf dem Weg zur Trauerkundgebung für Fidel Castro in Holguín

Staatlich verordnete Trauer

Als ich am Montagmorgen unterwegs zum Busbahnhof bin, kommt mir eine Menschenmenge entgegen. Vorweg einige Ältere, ansonsten hauptsächlich junge Leute mit Fahnen, Transparenten und Fotos. Es geht zum frisch geputzten Parque Calixto García. Staatlich verordnete Trauer statt Schule, Universität oder Arbeit. Das kubanische Fernsehen berichtet in den nächsten Tagen rund um die Uhr. Überall im Land gleichen sich die Bilder, ob in Havanna, Matanzas oder Santiago de Cuba. Der Großteil der Bevölkerung jedoch geht scheinbar unbeeindruckt dem normalen Leben nach, so wirkt es. Zunächst in Holguín, anschließend in Moa und später in Guantánamo, wo ich mich in diesen Tagen aufhalte.

Am Montag nach Fidel Castros Tod auf der Straße in Holguín

Wer sind die Menschen, die um Fidel weinen? Wem nimmt man die Trauer ab? Den jungen Soldatinnen und Soldaten, die vor laufender Kamera einen monotonen Sermon ins Mikrofon herunterleiern dürfen, der sicher nicht nur klingt wie auswendig gelernt? Der Smartphone-Generation, deren Vertreter mit Mobiltelefonen und Laptops in Parks und Fussgängerzonen sitzen, wo es seit letztem Jahr zwar teures, aber immerhin öffentlich zugängliches WiFi gibt? Internet, das in Kuba tatsächlich noch Neuland ist. Den Nutznießern des „neuen kubanischen Kapitalismus“, also etwa den Betreibern privater Unterkünfte oder Restaurants? Ganz sicher nicht trauern werden Millionen von Exilkubanern, die vor dem Castro-Regime geflohen sind. Im Gegenteil, im Internet kursieren Bilder feiernder Menschen auf den Straßen von Miami.

Am WiFi-Hotspot in Holguín: eine trauernde Generation?

Abends sitze ich neben meinem Gastgeber auf der Veranda. Im Schaukelstuhl, so wie es die Kubaner gern tun. Wir pfeifen das Lied von Che Guevara, einen Ohrwurm, der mich durch Kuba begleitet. Ich frage nach der Bedeutung von Che für die Kubaner. Die Hand meines Gastgebers geht zum Herzen und seine Augen leuchten. Muss er mehr sagen? Und was ist mit Fidel? Wie ist der einzuordnen? Eine knappe Geste deutet an, dass beide wohl etwa gleichbedeutend seien. Die Augen leuchten dabei nicht mehr. Und eine Hand wird auch nicht zum Herzen geführt.

Ende der Staatstrauer

Der letzte Akt der Feierlichkeiten findet in Santiago de Cuba statt, nicht in Havanna. In Santiago hat Fidel studiert und dort hat er, vom Balkon des Rathauses aus, am 02. Januar 1959 den Sieg der Revolution ausgerufen. Und hier, in der ehemaligen Hauptstadt, wird die Asche Fidels anschließend auch beigesetzt. Ich hatte kurz überlegt, nach Santiago de Cuba zu fahren, um dem Ereignis beizuwohnen und die Stimmung dort einzufangen, mich dann aber doch dagegen entschieden.

Santiago de Cuba: vom Balkon des Rathaus verkündete Fidel Castro den Sieg

Am nächsten Morgen stehen in der Bar, an der ich jeden Tag vorbeikomme, wieder Bierdosen auf dem Tisch. So, als wäre nichts geschehen. Nicht nur in Moa, im ganzen Land wird nach 9 Tagen nun offiziell wieder getrunken. Und auch Musik wird wieder gespielt, allerdings noch mit Einschränkungen, wie ich erfahren sollte.

Langsame Rückkehr zum Alltag

Eine Woche nach Ende der Staatstrauer bin ich in Guantánamo. In der Casa de la Trova tanzt das vorwiegend ältere Publikum zur Musik, die gespielt wird. Flaschen mit Rum stehen auf den Tischen. Eine gelöste Atmosphäre. Und Hand auf´s Herz, wer kann sich Kuba auch ohne Musik vorstellen? Und ohne Rum?

In der Casa de la Trova in Guantánamo

Später in der Casa del Son und der Casa del Changüí heißt es jedoch, dass erst im Januar wieder Musikveranstaltungen stattfinden. Ganz ist die staatlich verordnete Trauer also doch noch nicht vorbei. Traditionelle Musik darf öffentlich wieder gespielt werden, nicht jedoch die fröhlichen Klänge von Son oder Reggaeton. Auch nach seinem Tod lässt Fidel den Kubanern also nicht die Freiheit, die er ihnen immer versprach, jedoch nie gab. Noch immer dürfen sie nicht selbst entscheiden, was sie tun.

Fidel Castros Vermächtnis

Der Sozialismus hat in Kuba längst ausgedient, im Grunde hat er ja ohnehin nie funktioniert. Bereits seit den Neunzigerjahren strömen Touristen nach Kuba und bringen Devisen ins Land. Privilegiert sind daher vor allem die, die im Tourismus tätig sind. Längst hat der Kapitalismus Einzug gehalten in Kuba. Casas Particulares, die privaten Unterkünfte, und Paladares, privatwirtschaftliche Restaurants, bescheren ihren Betreibern teilweise stattliche Einkünfte. Auch verschiedene weitere Dienstleistungen dürfen privat angeboten werden. Und sogar die Veräußerung von Immobilien ist inzwischen erlaubt. Die Folge? Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander. Ihren Nachfolgern werden die alten Rebellen um die Castro-Brüder, auch Raúl ist ja bereits 85, wahrlich kein leichtes Erbe hinterlassen.

Die Zeitungen in Kuba kennen in den Tagen nach Fidels Tod nur ein Thema

Ein wenig wird es wohl noch brauchen, um Fidels Rolle endgültig einzuordnen, während einige das bereits tun. Die deutsche Bundesregierung schickt einen Ex-Kanzler zur Beerdigung, ist in der Bewertung Fidels Lebensleistung jedoch sachlich kritisch, während der künftige US-Präsident in Richtung Castro pöbelt, der noch nicht einmal unter der Erde liegt. Aber diplomatisches Fingerspitzengefühl wird von dem Mann wohl genau so wenig zu erwarten sein wie die Fortsetzung eines Kurses der Annäherung beider Länder, begonnen von Raúl Castro und Barack Obama.

Gedenken an Fidel Castro vor einem öffentlichem Gebäude in Holguín

Che Guevara ist 50 Jahre nach seinem Tod überall präsent, ist in den Herzen vieler Menschen. Ob man das von Castro in einem halben Jahrhundert auch sagen wird? Wird er den Kubanern als der mutige Rebell, der sein Land befreit hat und der tolle Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit im Kopf hatte, in Erinnerung bleiben? Oder als sturer alter Mann, der die Augen vor den  Themen der Zukunft verschlossen hat? Der sein Volk eingesperrt und bespitzelt hat. Zu einem taugt Fidel jedenfalls nicht. Zu einem Popstar der Revolution wie sein ehemaliger Compañero Che Guevara. Und das wiederum wird ganz sicher auch im Sinne des toten Comandante en Jefe sein.

Kubakennerin Eleonora Kratochwill aus Wien

„Für mich ist Kuba wie ein gutes Buch …“

Eleonora Kratochwill reist seit mehr als 15 Jahren nach Kuba. Zweimal im Jahr ist die Wienerin meist vor Ort, um dem Tanz zu frönen, Freundschaften zu knüpfen und die Menschen und ihr Leben zu beobachten. Letztendlich entstanden aus der Liebe zum Land auch familiäre Bande, die der Österreicherin noch mehr Einblick in den kubanischen Alltag ermöglichten. Ich habe Eleonora zum Mythos Fidel Castro befragt.

Gleichheit, Bildung und Gesundheitswesen

Eleonora, wofür stand Fidel Castro, was war sein Ziel?

Fidel Castro hat vor mehr als einem halben Jahrhundert eine Revolution angeführt, die ein Volk aus den Fängen von Großgrundbesitzern, Kapitalisten und von dem Druck der USA befreien sollte. Es wurde für gleiche Lebensumstände gekämpft und Bildung sowie Gesundheitswesen wurden flächendeckend eingeführt. Gleiche Löhne sowie Uniformen in der Schule sollten Klassenunterschiede im Keim ersticken und rationierte Grundnahrungsmittel sowie besondere Zuweisungen für Kinder und Alte waren ebenfalls vom Staat erhältlich, genau wie kostengünstige Wohnungen und Energieversorgung.

Wie haben die Menschen in Kuba die Ideen Fidels begleitet?

In einem Inselstaat, der abgeschirmt vom Rest der Welt dafür kämpfte, dass jeder das Minimum zum Leben bekommt, sah man zunächst keine Notwendigkeit, diese guten Vorsätze anzuzweifeln. Jedoch liegt es in der Natur des Menschen, sich zu entwickeln und nach mehr zu streben. Ein Volk, das mehr als 50 Jahre kämpfte und Opfer brachte, fing an zu hinterfragen, wofür.

Klassenunterschiede und Korruption

Was ist an Fidels Ideen zu kritisieren?

Letztlich muss man feststellen, dass es sehr wohl Klassenunterschiede gibt und der Großteil des Volkes mit seinem legal verdienten Lohn nicht den Alltag bewältigen kann. Man fragt sich, wie es passieren konnte, dass ein so kleiner Inselstaat zuvor in allen möglichen Bereichen, etwa Technik und Innovation, an der Weltspitze stand und nun in Ruinen zerfällt. Dass das Volk nicht zur Selbständigkeit erzogen wurde, sondern in Abhängigkeit von einer Ideologie resigniert. Korruption ist ins Land geschlichen, die Polizei ist mit Willkür hinter den Leuten her und verhaftet selbst bei harmlosen Verdächtigungen. Delinquenten sind dann dazu verurteilt, ihre Unschuld beweisen zu müssen. Das hat nichts mit den Vorstellungen von Unschuldsvermutung, so wie wir sie kennen, zu tun und wer kann sich im Zweifel den Kampf gegen das Regime leisten?

Fidel Castro, der Visionär für soziale Gerechtigkeit, also nichts anderes als sein Vorgänger Batista, ein Diktator?

Wenn ich als Leader eines Landes merke, dass Menschen unter Lebensgefahr aus meinem Land fliehen,  oder ich Andersdenkende nicht frei ihre Meinung sagen lasse, sondern sie wie Verräter behandle und ins Gefängnis stecke, wenn ich in der Vergangenheit lebe und nicht der allgemeinen Veränderung ins Auge sehe, dann ist man versucht, von Diktatur zu sprechen. Einer Diktatur, die von einer humanen Idee träumte, jedoch in zum Teil inhumane Zustände schlitterte.

Bei allen frommen Wünschen, ein System zu schaffen, das sich nicht nur an Kapital und Wachstum orientiert, ist übersehen worden, dass all die Medikamente, die hier erfunden wurden, kaum in den kubanischen Krankenhäusern zum Einsatz kommen und auch in den Apotheken so gut wie nirgends erhältlich sind. Es ist übersehen worden, dass das Volk zwar ohne Kosten studieren darf, doch was dann, wenn diese Menschen zum Geldverdienen gebraucht werden?

Kuba ist wie ein gutes Buch

Was wird jetzt aus dem Erbe Fidels?

Ich wünschte, dass sich der soziale Grundgedanke entwickeln könnte und in diesem Sinn hat Fidel etwas durchaus Positives im Sinn gehabt. Diese positiven Ideen mit dem Töten von Menschen in Verbindung zu sehen, denn auch das hat diese Revolution mit sich gebracht, verursacht mir Schmerzen. Trotz allem und vielleicht gerade deswegen liebe ich Kuba und seine Menschen, ich sehe ihr Leid und auch ihre Lebensfreude und Energie. Was aus dem Erbe Fidels wird, steht meiner Meinung nach in den Sternen. Sehr wohl ist er bereits in die Geschichte eingegangen, ob man jedoch in der Zukunft gern an ihn denken wird, kann uns nur die nächste Generation beantworten.

Für mich ist Kuba jedenfalls wie ein gutes Buch, das ich abends gern aufschlage, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Manche Kapitel sind zum Lachen und andere zum Nachdenken oder Innehalten. Die Menschen sind es, die mich faszinieren. Sie scheinen ausweglos gefangen unter der Herrschaft eines Diktators und wirken trotzdem so frei …

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