Typisch indisch? Yoga und Ayurveda in Kovalam

Kovalam, einst ein kleines, unbedeutendes Fischerdorf in Kerala, im Süden Indiens, inzwischen längst ein beliebtes Touristenziel mit vielen Hotels in allen Preisklassen. Kovalam ist bekannt für Ayurveda-Anwendungen und Yoga-Kurse. Ich habe beides ausprobiert mit ganz unterschiedlichen, aber durchweg interessanten Erfahrungen. 

Ausziehen soll ich mich. Der Mann steht dicht vor mir und mustert mich von oben bis unten. Ganz ausziehen, sagt er. Ich sage nein, nicht ganz. Die Situation ist mir nicht geheuer. Sein merkwürdiger Blick, die körperliche Nähe und dazu die Ungewissheit, was mich überhaupt erwartet. Die meisten Inder ziehen ja nicht einmal zum Baden am Strand ihre Sachen aus. Und ich soll mich jetzt vor ihm, der selbst nur knapp bekleidet vor mir steht, entblößen? Ich bin nicht prüde, aber nein, das kommt so überhaupt nicht infrage.

Normales Bild in Indien, nicht nur in Kovalam: Baden in voller Montur

Das habe ich nun davon, kaum angekommen in Kovalam habe ich mich gleich bei erstbester Gelegenheit auf ein Ayurveda-Experiment, um es mal so zu nennen, eingelassen.

Erste Ayurveda-Erfahrungen

Schließlich einigen wir uns auf einen Lendenschurz und ich soll mich zunächst auf den Bauch legen, anschließend auf den Rücken. Kurz darauf ist mein dürftig bedeckter Körper glitschig. Alles ist voller Öl, das er auf meine Haut getröpfelt hat. Um es dann mit den Händen zu verteilen. Irgendwann steht er über mir und nur noch seine nackten Füsse berühren mich. Ich öffne die Augen ein wenig und vergewissere mich, dass er noch angezogen ist. Nach knapp einer Stunde ist die Prozedur überstanden. Das schmierige Öl soll noch ein, zwei Stunden auf der Haut bleiben, bekomme ich mit auf den Weg. Zurück in meiner Unterkunft gönne ich mir als erstes eine Dusche. Und resümiere meine sonderbaren Erfahrungen mit Ayurveda. Hatte ich etwa den falschen Ort in Kovalam für die erste Begegnung mit der traditionellen indischen Heilkunst gewählt?

Kovalam Beach: Fischer bei der Arbeit

Che Guevara und Kovalams Strandhunde

Die Uferpromenade am Lighthouse Beach, benannt nach dem markant rot-weißen Leuchtturm von Kovalam, führt vorbei an Restaurants und Geschäften. Eine autofreie Zone, auf der selbst für die sonst in Indien allgegenwärtigen Kühe kein Platz ist. Wer jedoch ein T-Shirt mit Che Guevara, dem legendären Revolutionär, oder der Reggae-Ikone Bob Marley, sucht, wird hier gewiss fündig. Beides offenbar „typisch indisch“. Und ich finde hier ein Studio, in dem ich meine Yoga-Fertigkeiten vertiefen werde.

Jimmy, einer der gepflegten Strandhunde von Kovalam

Was fällt noch auf? Straßenhunde, hier eher Strandhunde, stehen unter besonderem Schutz. Plakate informieren über Verhaltensregeln für den Umgang mit den Vierbeinern – unter Berufung auf Mahatma Gandhi, den großen indischen Freiheitskämpfer. Könnten sich die Hunde von Kovalam einen besseren Schutzpatron wünschen?

„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandeln.“ (Gandhi)

Frischer Fisch und Meeresfrüchte in Kovalam

Arabisches Meer ist kein Swimming Pool

Der Weg nach Vizhinjam, südlich von Kovalam, führt an der Küste entlang. Und ermöglicht einen eindrucksvollen Blick auf die Wassermassen, die das Arabische Meer Richtung Küste schiebt. Erst von oben lässt sich erahnen, welch enorme Kräfte hier walten. Wellen, die Richtung Küste rollen, gibt es kaum, die Musik spielt vor allem unterhalb der Wasseroberfläche. Erst im letzten Moment entlädt sich die Energie des Ozeans und das nasse Element detoniert an der felsigen Küste. Das zuvor tiefblaue Wasser mutiert dabei zu schneeweißer Gischt, die über das Gestein spritzt.

Blick auf die Küste in der Nähe von Kovalam

Eindrucksvoll zeigt sich am Nachmittag, wie gefährlich es ist, die Gefahren des Meeres zu unterschätzen. Am Lighthouse Beach eilen plötzlich mehrere Inder Richtung Wasser. Leichtfertig war ein Mann zu weit hinausgeschwommen, die erfahrenen Schwimmer schaffen es gerade rechtzeitig, ihn zurück an Land zu holen. Das war knapp. Der Blick in die Augen und das bleiche Gesicht des Mannes verrät: der Schock sitzt noch tief und will erst einmal verdaut sein. Nur zu verständlich!

Geschäftiges Treiben am Fischerhafen von Vizhinjam

Megaprojekt Vizhinjam Seaport

Nur 3 km sind es bis Vizhinjam, aber was für ein Kontrast zum touristischen Kovalam. Reges Treiben herrscht am Fischerhafen, wo bunte Boote vor der grünen Moschee, der Juma Masjid Mosque, für eine stimmungsvolle Kulisse sorgen. Der Hafen von Kochi, ebenfalls im Bundesstaat Kerala, ist zwar nur 200 km entfernt und nicht annähernd ausgelastet, dennoch soll hier in Vizhinjam der größte Containerhafen Indiens entstehen, ein umstrittenes Großprojekt. Eine der wichtigsten Schifffahrtsstraßen der Welt ist nur wenige Meilen entfernt und bisher dient der Hafen von Colombo in Sri Lanka als wichtigstes Verteilzentrum für die Region. Dieses Geschäft will man nun ins eigene Land holen. 2018 soll die Fertigstellung erfolgen. Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Juma Masjid Mosque, Kulisse des Fischerhafens von Vizhinjam

Yoga in Kovalam

Es ist das zweite Mal, dass es für mich zum Yoga geht in Kovalam. Prem Kumar, der sympathische Lehrer, ist fachkundig und geduldig. Zum Einstieg hatte es Dehnübungen gegeben, die ich eher der Gymnastik zugerechnet hätte. Jetzt geht es um die Wichtigkeit von Atmung und Konzentration. Und sogar ein kurzer Handstand gelingt mir anschließend, in der Hocke, die Handflächen vor dem Körper aufgestützt. Zwar nicht lange, aber immerhin ein kleines Erfolgserlebnis.

Prem Kumar, sympathischer Yogalehrer in Kovalam

Ich soll noch einmal wiederkommen, schlägt Prem vor. Dann könne ich künftig überall, wo ich bin, in einen Yogakurs einsteigen. Das allerdings habe ich nicht vor, wollte ich Yoga doch nur ausprobieren. Wie Ayurveda auch, schließlich gilt beides als typisch indisch. Und das war ja auch gelungen, wenngleich mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen.

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