São Miguel | Der mystische Kratersee von Sete Cidades

Blaugrüne Kraterseen. Geheimnisvolle Farben. Ein typisches Merkmal der Azoren. Kein Wunder, dass die mystischen Gewässer zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Atlantikinseln zählen. Die Lagoa das Sete Cidades, in einem Vulkankrater auf São Miguel, ist der größte dieser Seen und gehört zu den sieben Naturwundern Portugals.

Brausend und brodelnd entlädt sich die Wucht des wilden Ozeans an der rauen Küste und an den vorgelagerten Felsen. Meterhoch spritzt weiße Gischt empor. Ein eindrucksvolles Spektakel. Der Schauplatz: Mosteiros, eine kleine Gemeinde im Nordwesten von São Miguel, der größten der Azoren-Inseln. Und eigentlich nur der Ort für einen kurzen Zwischenstopp. Der Bus hatte mich hier abgesetzt, auf dem Weg nach Sete Cidades.

An der Küste bei Mosteiros

See der Sieben Städte

Sete Cidades ist der Name eines Vulkankraters im Westen der Azoreninsel São Miguel. Caldeira nennen sie derartige Kessel vulkanischen Ursprungs auf portugiesisch. Während der ursprüngliche Vulkankomplex viele Jahrtausende alt ist, zählt der Krater mit dem darin entstandenen See gerade einmal etwa 500 Jahre. Sete Cidades bedeutet Sieben Städte und ist zudem die Bezeichnung des Ortes, an dem der Vulkansee liegt. Ein Name, der im Übrigen auf einer Legende von sieben mystischen Städten im Atlantik beruht, das sagenumwobene Atlantis also quasi gleich in siebenfacher Ausführung. Und schließlich ist Sete Cidades ja auch der Name des Sees selbst: Lagoa das Sete Cidades, also See der Sieben Städte.

Auf dem Weg nach Sete Cidades

Von Mosteiros zum Kratersee

Bis zu meinem Ziel, dem größten Kratersee der portugiesischen Atlantikinseln, kann es nicht mehr weit sein. Wozu also auf eine Anschlussverbindung warten? Warum nicht erst im Fischerdorf Mosteiros ein wenig auf Entdeckungstour gehen? Und anschließend zu Fuß weiter zur Lagoa das Sete Cidades. Der Entschluss ist schnell gefasst und zunächst führt mich der Weg einmal quer durch den beschaulichen Ort, um schließlich direkt an der schroffen Küste entlang zu laufen.

Fischerhafen von Mosteiros

Am Porto de Pesca spricht ein Schild eine freundliche Einladung aus, es bezeichnet den kleinen Fischereihafen als „must-visit place“. Besucher seien herzlich willkommen, den Aktivitäten der Fischer beizuwohnen, heißt es. Nur ist niemand hier. Zwar liegen einige Boote am Ufer, aber von den Fischern ist weit und breit nichts zu sehen. Klar, jetzt zur Mittagszeit werden die sicher längst fertig sein mit ihrer Arbeit.

Männer vor der Bar in Mosteiros

Zurück am zentralen Platz von Mosteiros, wo sich auch die Bushaltestelle befindet. Die Männer vor der Bar dort wirken gerade so, als säßen sie immer hier. Während andere drinnen offenbar den großen Coup planen. Die nämlich sind emsig damit beschäftigt, Lottoscheine mit den richtigen Zahlen zu versehen oder Lose freizurubbeln. Ich lasse mich derweil mit Kaffee und Gebäck versorgen, eine letzte Stärkung vor dem Marsch zum Kratersee. Und stelle mir für einen Moment vor, wie es wäre, hier zu bleiben. Zu verweilen an diesem entspannten Ort. Draußen bei den Männern in der Sonne zu sitzen und ein bisschen so tun, als säße auch ich immer hier.

Blick auf das Fischerdorf Mosteiros

Auf dem Weg hinaus aus dem Ort wartet eine letzte Versuchung. Das Restaurante O Chico lockt mit Polvo no forno. Und außer Oktopus gibt es natürlich auch noch weitere Gerichte. Ein kurzer Moment des Zögerns, nur zu verführerisch der Gedanke an eine Rast mit frischem Fisch und leckerem Wein. Doch ist die Zeit knapp und ich will das Unternehmen Kratersee nicht gefährden. Denn das Limit setzt der letzte Bus, der mich noch am Nachmittag von Sete Cidades wieder zurück nach Ponta Delgada bringen soll.

Begegnung mit „Azoren-Schneemann“

Zwischen den Wetterfronten

Ein fröhlich dreinblickender Schneemann aus Plastik verabschiedet mich am Ortsausgang. Welcher Schelm den wohl hier aufgestellt hat? Tatsächlich dürften nicht allzu viele der Inselbewohner schon einmal echten Schnee gesehen haben. Es ist zwar Mitte Dezember, Vorweihnachtszeit also auch auf den Azoren, das Klima hier draußen im Atlantik aber angenehm mild. Selbst nachts sinkt die Temperatur kaum unter 16 Grad.

Küstenpanorama auf dem Weg von Mosteiros nach Sete Cidades

Ein Schild weist zum Miradouro do Escalvado, das dortige Panorama lockt, bevor ich das Meer endgültig hinter mir lasse. Ein kurzer Abstecher zum Aussichtspunkt muss daher drin sein, eine Entscheidung, die mit überwältigenden Eindrücken belohnt wird. Die Küste fällt steil ab und unten verliert sich das Rauschen des Meeres. Die einzigen Geräusche sind die Schreie der Möwen, die, von kräftigem Aufwind getragen, elegant über mich hinweg segeln. Und während hier, direkt über dem Meer, die Sonne scheint und Mosteiros in der Ferne hell erstrahlen lässt, offenbart der Blick nach hinten eine tief hängende Wolkenfront. Irgendwo dort muss sich mein Ziel befinden und immer wieder wehen einige Tropfen herüber, ich befinde mich direkt zwischen den Wetterfronten.

Blick auf die Küste vor São Miguel vom Miradouro do Escalvado

Wanderung zum Kratersee

Anschließend erreiche ich Várzea, ein weiteres kleines Dorf, halte mich jedoch nicht lange auf und biege stattdessen endgültig ab von der Strecke zurück nach Ponta Delgada. EN9-1A lautet die Bezeichnung der Straße, die mich nun auf direktem Weg nach Sete Cidades und zum dortigen Kratersee führen soll. Stetig bergauf, hinein in die wolkenverhangene Höhe, geht es. Moos bedeckt den glitschigen Fahrbahnrand und von den Pflanzen dort trieft die Feuchtigkeit. Auch etliche für die Azoreninseln typische Hortensien schmücken den Weg, aber nur an wenigen der verdorrten Blüten ist die ursprünglich blaue Farbe noch erkennbar.

Neugierige Blicke auf dem Weg zum Kratersee

Hin und wieder mustern neugierige Augen den einsamen Wanderer. Sie gehören Kühen, die auf saftigen Weiden neben der Fahrbahn grasen. Es sind die einzigen Lebewesen, denen ich begegne, während die Straße sich durch mehrere Kurven immer weiter in die Höhe schraubt. Bald werde ich den höchsten Punkt erreichen und hinunterblicken auf den geheimnisvollen See.

Schilder an der Straße nach Sete Cidades

Vista do Rei, der Königsblick

Irgendwann zweigt ein Feldweg von der Straße ab. Vista do Rei heißt es auf einem Schild, Cumeeiras auf einem anderen. Beides sagt mir nichts. Weder ist dort von Sete Cidades die Rede, noch finde ich einen Hinweis auf den See. Und setze daher, weiter der Straße folgend, meinen Marsch unbeirrt fort. Später sollte ich lernen, dass es sich beim Miradouro da Vista do Rei um den berühmtesten Aussichtspunkt der Azoren handelt. Dass genau hier, vom „Königsblick“ aus, die bekannten Fotos entstehen, die sicher auch so manches Cover eines Reiseführers oder Bildbandes zieren dürften.

Erstaunlich ist nur, dass sich unter dem Hashtag #VistadoRei noch verhältnismäßig wenige Bilder bei Instagram finden. Ist der spektakuläre Aussichtspunkt möglicherweise gar nicht so überlaufen, wie man angesichts des grandiosen Panoramas denken könnte? Das aber bleibt auch mir diesmal verborgen, denn, wie gesagt, ich weiß ja noch gar nicht, was sich hinter dem Namen Vista do Rei verbirgt.

Noch eine Begegnung, kurz vor Sete Cidades

Einige Meter weiter scheint die Straße die höchste Stelle erreicht zu haben und vom Rand der Fahrbahn blicke ich erwartungsvoll ins Tal. Aber noch immer ist vom Kratersee nichts zu sehen. Wiesen und Bäume, alles ist grün. In unterschiedlichen Schattierungen dominiert die Farbe den Kessel und dicht über dem Krater hängen Wolken wie eine dunstige Käseglocke. Und das Gewässer? Fehlanzeige!

Wolken über dem Tal, aber wo ist der See?

Sete Cidade, am Ziel!

Ich stapfe weiter die Straße entlang, bergab geht es jetzt, immer weiter in das Tal hinein. Wieder eine Kurve, dann noch eine. Und zwischendurch die nächste Abzweigung, ein weiterer Wanderweg. Mit farbigen Markierungen. Gelb und Rot signalisieren dem gut vorbereiteten Wanderer, dass er hier richtig ist. Ich jedoch bin überhaupt nicht vorbereitet, habe keine Ahnung, was die Farben bedeuten. Sehe dafür hinter der letzten Biegung aber schließlich Sete Cidades vor mir. Eine Kirche, die Igreja de São Nicolau, das ist der erste Eindruck und das Schild am Ortseingang lässt endgültig keinen Zweifel, ich habe die „Sieben Städte“ erreicht.

Normales Bild auf den Azoren, nicht nur auf São Miguel: „glückliche Kühe“

Nach einigen hundert Metern durch das Dorf sehe ich sie dann endlich: die Lagoa das Sete Cidades. Jedoch wirkt der Kratersee anders als gedacht. Hatte ich erwartet, von oben auf das mystische Gewässer herabzusehen, so stehe ich jetzt direkt davor. Mehr als 4 km² sollen das sein? Der See wirkt viel kleiner. Und wo sind die geheimnisvollen Farben, das Blau der Lagoa Azul, des einen Teils, und das Grün der Lagoa Verde, des anderen? Tatsächlich ist der See eher dunkelgrau, beinahe bräunlich.

Erster Eindruck von Sete Cidades: die Kirche, Igreja de São Nicolau

Das Tal der Tränen

Am Ufer des Kratersees stehend vermag ich seine unterschiedlichen Abschnitte nicht zu erkennen. Der Sage nach sind sie entstanden aus den Tränen zweier verliebter Menschen. Eine Prinzessin hatte sich in einen armen Hirten verliebt, doch ihr Vater, der König, hat die ungleiche Beziehung verboten. Trennen mussten sich die beiden und die Prinzessin standesgemäß einen anderen Mann ehelichen. Der Schluss dieser Liebesgeschichte ohne Happy End: ein letztes Treffen mit innigen Küssen und vielen Tränen, vergossen von der Prinzessin mit den blauen Augen und vom Hirten mit den grünen Augen. Fertig war der See!

Wolken hängen über dem Kratersee

Weit weniger romantisch übrigens eine natürliche Erklärung für die oftmals wundersame Färbung. Wald und Wolken sorgen für Grün und Blau, spiegeln sich im Wasser des Sees wider, jedenfalls dann, wenn die Sonne scheint. Und von der ist heute nichts zu sehen. Und so ist das Ende meiner Geschichte ein anderes: es ist zu erzählen von wunderlich gespenstischen Bäumen, die in Ufernähe aus dem Wasser ragen. Von Wolken und Nebel, die dicht über dem Krater hängen, ganz so, als ob es immer so wäre.

Mystisch ragen Bäume aus dem Wasser des Kratersees

Gespenstig hätte möglicherweise auch ein Besuch des Miradouro da Vista do Rei gewirkt. Wo sich neben dem grandiosen Ausblick nämlich auch die Ruine des ehemaligen Hotels Monte Palace findet, 1989 eröffnet und nur ein Jahr später wegen Insolvenz bereits wieder geschlossen und seitdem verwaist. Dieser „Lost Place“ (hier die ganze Geschichte in Wort und Bild) ist mittlerweile ein reizvolles Ziel für Liebhaber geheimnisvoller Orte, so auch für mich bei einem möglichen nächsten Besuch. Um dann jedoch frühzeitig direkt nach Sete Cidades zu fahren und mich auf die Wanderung um den See herum zu begeben. In der Hoffnung, dass die Sonne scheint und dem Gewässer seine mystischen Farben verleiht, wie hier bei borboletameetsworld.de eindrucksvoll zu sehen.

Anders als erwartet: Anblick des Kratersees

Für mich gibt es aber auch diesmal keinen Grund, enttäuscht zu sein. Denn mit zurück nehme ich einen bunten Strauß spannender Eindrücke. Angefangen vom beschaulichen Fischerdorf Mosteiros über den spektakulären Aussichtspunkt Miradouro do Escalvado bis hin zur einsamen Wanderung über die Straße mit dem „einprägsamen“ Namen EN9-1A. Und nicht zuletzt natürlich den Blick auf den bekanntesten Kratersee der Azoren. Und der mindestens so geheimnisvoll wie das bekannte Panorama von oben, aber doch ganz anders.

Von Ponta Delgada nach Sete Cidades


Mehrmals am Tag gibt es Busverbindungen von Ponta Delgada nach Sete Cidades, die interessantesten (fett = Direktverbindung):

  • Wochentags um 07:15 Uhr, 08:25 Uhr und 10:40 Uhr
  • Samstags um 07:15 Uhr und 07:50 Uhr
  • Sonntags und Feiertags um 08:30 Uhr und 09:00 Uhr

Zurück nach Ponta Delgada geht es von Sete Cidades wie folgt:

  • Wochentags um 12:00 Uhr und 16:25 Uhr
  • Samstags um 16:25 Uhr
  • Sonntags und Feiertags um 18:05 Uhr

Alle Angaben ohne Gewähr (Stand: Dezember 2017). Tipp: aktuelle Fahrpläne sind bei der Touristeninformation in Ponta Delgada (Posto de Turismo, Avenida Infante D. Henrique) erhältlich.

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